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Hartmut Jonas |
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Handlungsrolle Netzliteraturproduzent Die Beschreibung dieser Handlungsrolle hängt davon ab, ob es sich - und diese Unterscheidung ist von erheblicher Bedeutung - um Literatur im Netz oder um Netzliteratur handelt. Literatur im Netz ist digitalisierte Literatur, die entweder bereits in Buchform erschienen oder speziell für das Netz geschrieben worden ist. So gibt es im Netz eine Reihe von Bibliotheken und Archiven, die Hypertexte umfassen, die von einem Autor oder mehreren Autoren (im Sinne des traditionellen Autor-Begriffs) verfasst worden sind. So ist z.B. das Archiv des Projekts Gutenberg Deutschland eine derartige Sammlung von Literatur von weit über 150 Autoren, mit einer Vielzahl von Werken bzw. Tausenden von Seiten. Autoren eines beinahe klassischen Kanons sind vertreten, ausgewählt und angeboten von Literaturinteressierten, die sich im Netz präsentieren wollen. Daneben gibt es Hypertexte, hinter die der Literaturproduzent zurücktritt oder den Nutzer zum Mit-, Um- oder Weiterschreiben auffordert und die Grenzen zwischen dem Produzenten und Rezipienten auflöst. Nichtprofessionelle und professionelle Autoren sind gleichermaßen im Netz vertreten. Dennoch hat die postmoderne These vom Verschwinden des Autors gerade im Netz eine besondere Bedeutung, weil der Autor mehr oder weniger deutlich hinter seinen Hypertext treten kann oder die Rollen zwischen den Nutzern und Verfassern der (Hyper-)texte getauscht, auch völlig verschwimmen können. Allerdings geht der Rollentausch nicht ohne Probleme ab (Jonas 1998, 11). Es stellt sich die Frage, was Menschen veranlasst, Hypertexte im Netz zu publizieren? Offensichtlich geht es den Autoren nicht um Botschaften, wie dezidiert betont wird, nicht um Belehrung noch um »literarische Modelle« möglichen menschlichen Lebens. Es geht nicht um wichtige Lebensfragen, Themen oder literarische Stellungnahmen zu den Problemen unserer Zeit. Also nicht die Frage nach neuen Themen und Formen ist das entscheidende, nicht stilistische Qualitäten stehen im Vordergrund, sondern vielmehr geht es beim Schreiben im Netzwerk darum, »Neuland im telematischen Raum zu vermessen, Textlandschaften anzulegen, Schreiben und Lesen eben auch als einen nomadischen Akt des Umherschweifens durch Text-Netzwerk zu begreifen«. (Idensen 1996, 155). Dieser Aspekt lässt sich in »www.netzliteratur.de« am Beispiel der Textsammlung zum Thema »Berlin« veranschaulichen. Hypermedien werden angeboten, die nach dem Grundsatz konstruiert worden sein könnten: »Löse den Text in seine Bestandteile auf und organisiere diese Teile neu.« Oder »Erweitere den Text durch visuelle und akustische Komponenten.« Offensichtlich ist ein entscheidendes Motiv für die Veröffentlichung von Netzliteratur nicht ein bewegendes Problem, sondern der Wunsch nach Feedback, nach Kommunikation mit mehr oder weniger partiell anonymen Gesprächspartnern. Es scheint so, als ob eine bestimmte ästhetische Qualität nur deshalb angepeilt wird, um Feedback zu erreichen. Das Ästhetische ist Anlass und Gegenstand, Auslöser von Kommunikation; es wird quasi überlagert von diesen Absichten nach relativ unmittelbarer Kommunikation. Hier scheinen sich alte Formen des Literatur zu erneuern. Die vagabundierenden Dichter vergangener Jahrhunderte feiern Urständ, die die unmittelbare Kommunikation suchen, nun weniger in der Wirklichkeit der mittelalterlichen Höfe oder in Sprach- und Lesegesellschaften der Neuzeit, sondern in virtuellen Räumen im Schatten der partiellen Anonymität. Handlungsrolle Netzliteraturrezipient Hypertext wird in der Regel auf nutzergesteuerte Aktivitäten des Hin- und Herschaltens zwischen verschiedenen Textebenen und Links funktioniert, also auf eine spezifische Art der Interaktivität. Es geht weniger um den Stil des Schreibens als um den Stil des Lesens. Und der ist im Unterschied zu pragmatischen Texten nicht auf die Frage des Ziels und des Standortes des Lesens bezogen, sondern der Nutzer hat die Freiheit, die Ordnung des Diskurses selbst herzustellen oder sich von der Unordnung der Fragmente verwirren zu lassen. Bedingt durch die räumliche Anordnung des Textes kann sich der Leser vom »Zwang des Linearen« befreien, die »lesergesteuerte Selektion« wird zum Programm. An die Stelle einer vorgeschriebenen syntaktisch-textuellen Ordnung tritt eine assoziative Ordnung, die erst im und durch den Akt des Lesens etabliert wird. Dabei wird der Lesefluss in dem Maße unterbrochen, wie der Nutzer seine Freiheit wahrnimmt, sich vom aktuellen (Hyper-)Textausschnitt zu einem anderen, zunächst marginalen Textausschnitt führen zu lassen, der durch einen Mausklick ins Zentrum seiner Aufmerksamkeit geraten kann (Wirth 1997, 323f.). Von Lesen kann eigentlich nur noch in einem sehr weiten Sinne gesprochen werden. Lesen wird überlagert durch das Surfen, Navigieren in Übereinstimmung mit bestimmten Operationen, wie dem Betrachten von Bildern, dem Hören von Lauten. Lesen ist ein Prozess ständigen Interagierens. Zwar kann man sich durchaus auch zur linear-sequentiellen Lektüre zwingen, aber eben zwingen, weil die Links im Textablauf einen beinahe suggestiven Zwang ausüben, sie anzuklicken, aus Furcht, etwas Interessantes zu versäumen, abgesehen davon, dass Bilder sofort die Aufmerksamkeit auf sich lenken, und man sich immer wieder zwingen muss, auf den Text zurückzukommen. Die Links fordern den Nutzer ständig zum »Umschalten« auf, um aus den hypertextuellen Schnipseln und Verweisen Kohärenz herzustellen. Interagieren ist damit ein ständiges Unterbrechen im Kontinuum des Rezipierens, gleichzeitig aber auch ein ständiges Verändern der Perspektive, ein »Switching« der diskursiven Rollen. Der Nutzer ist seiner bisherigen Rezeptionsgewohnheiten gemäß ständig auf Sinnkonstruktion und Kohärenzherstellung eingestellt, wird bestätigt und enttäuscht, freut sich über witzige, originelle Hypertexte, ärgert sich über banale Inhalte. Bei Netzliteratur wird ihn aber mehr das Vernetzen interessieren, weniger der Inhalt dieses Prozesses. Es ist deshalb kein Zufall, dass er dabei nicht auf anerkannte Autoren aus der professionalen Branche stößt, sondern auf Computerfreaks und Dilettanten, die sich im Netz erproben wollen - im Unterschied zu bildenden Künstlern, die sich sehr wohl des Netzes zu bedienen wissen. Neue Akzente werden dadurch gesetzt, dass sich die vereinzelt experimentierenden Hypertext-Verfasser zusammenschließen, die hier und dort entstandenen Hypertexte in Online-Archiven und Online-Bibliotheken zusammenfassen und damit den verschiedensten Nutzern einen besseren Zugriff ermöglichen. Vermarkten lässt sich gegenwärtig die Netzliteratur nicht. Man stellt sich mit seinem Hypermedium im Netz dar, kann sich aber damit nicht seinen Lebensunterhalt verdienen. Aber das gilt für gut 95% der Vertreter der schreibenden Zunft generell auch. Handlungsrolle Netzliteraturvermittler Die Handlungsrolle Netzliteraturvermittler ist nicht mehr durch Verlage oder Buchmessen bestimmt wie seit der Frühzeit des Buchhandels, sondern sie vollzieht sich in virtuellen Räumen, deren metaphorische Bezeichnungen auf Begriffe der modernen Literaturentwicklung seit 1800 zurückgehen. Bekannt ist das »Literaturcafé«, das im Netz von Wolfgang Tischer initiiert worden ist. Es bildet einen virtuellen Raum, in dem man sofort die Netiquette präsentiert bekommt, sich anmeldet, seine eMail-Adresse eingeben kann, als Mitglied geworben wird usw. Aber auch tatsächliche Internet-Literaturcafés existieren, so z.B. in Berlin, von Internet-Interessierten aller Berufe frequentiert, vorwiegend aber von Schülern oberer Klassen und von Studierenden, abgesehen davon, dass sich die Gruppe »softmoderne«, mit dem Equipment der FU Berlin versehen, einmal im Jahr im »Podewil«, einer Begegnungsstätte in Berlin, trifft, um über Ergebnisse der Netzliteraturentwicklung in Workshops zu debattieren. Dabei zeigt sich, dass die Unabhängigkeit der Netzliteratur von den Zwängen eines Verlags und den damit verbundenen inhaltlichen und zeitlichen Konsequenzen für eine mögliche Veröffentlichung zwar von den Beteiligten als Akt der Befreiung und als Möglichkeit zur Selbstverwirklichung verstanden wird, dennoch ist diese Unabhängigkeit vom Literaturbetrieb für die Qualität der Texte nicht immer von Vorteil. Handlungsrolle Netzliteraturverarbeiter Nach S. J. Schmidt (1991, 324ff.) und M. Natori (1994, 125) ist die Verarbeitungsrolle im literarischen Kommunikationsprozess auf die Meta-Kommunikation über die literarische Kommunikation gerichtet, die sich in der Literaturkritik, in Gesprächen über Literatur usw. äußern kann. Allerdings ist die Kommunikation im Vergleich zur Breite der Kommunikation über traditionelle literarische Texte eingeschränkt: »Das Hauptaugenmerk der Macher und Kritiker von Online-Texten richtet sich weniger auf deren stilistische Qualitäten, als vielmehr darauf, wie die Hypertextmaschine im Kontext lesergesteuerter Aktivitäten des Hin- und Herschaltens zwischen verschiedenen Textebenen und Links funktioniert.« (Wirth 1997, 320). Das wird auch an den Hinweisen der Jury für den von der Wochenzeitschrift »Die Zeit«, von IBM und dem »Tagesspiegel« Berlin initiierten Netzliteratur-Wettstreit deutlich. Weniger Inhalte als vielmehr interessante, originelle, witzige Hypertexte sind gefragt. Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, dass traditionelle Kriterien der literaturwissenschaftlichen Analyse, Interpretation und Bewertung nicht ohne weiteres übertragbar sind. Netzkritik bleibt mehr zufällig, ohne abgesicherte Kriterien. Das mag bis heute die daran Interessierten wenig stören, ändert aber nichts an der Notwendigkeit, sich zukünftig bestimmter Kriterien bewusst zu werden. Es zeigt sich, dass sich die vier Handlungsrollen als Strukturgerüst des Sozialsystems »Literatur im Netz/Netzliteratur« im World Wide Web relativ zügig herausgebildet haben. Mit diesem Prozess ist auch eine Autonomisierung des Literatursystems in verschiedene Richtungen verbunden, die in ihrer Grundtendenz manche Ähnlichkeiten zu Autonomisierungstendenzen des Literatursystems am Ende des 18. Jahrhunderts aufweist, wie sie S. J. Schmidt beschrieben hat (S.J. Schmidt 1989, 413ff.). Die erste Richtung besteht in der bewussten Entgegensetzung und Abgrenzung der Netzliteratur von der traditionellen Literatur des Printmediums. Man will an der »herrschenden« Literatur nicht gemessen werden und lehnt auch jede Bevormundung ab. Man will auch nicht vereinnahmt werden für irgendwelche Ziele, Programme, legt deshalb auch keine Sinnkonstruktion nahe. Die zweite Richtung geht davon aus, dass der »Wert« des literarischen Hypertextes in ihm selbst liege - in der originellen Struktur, aber gerade nicht in der Vollendung des Kunstwerks, sondern in seiner Offenheit, Unabschließbarkeit, die den Nutzer einlädt, selbst aktiv an der wie auch immer gearteten Fort- oder Umgestaltung mitzuwirken. Gerade darin liegt die neue Qualität der Netzliteratur. Ob sie zukünftig eine breitere Wirkung haben wird, auch wenn sie jetzt noch auf diesen Anspruch verzichtet, oder sich mit ihrem Schattendasein zufrieden gibt, wird die Zeit zeigen. |
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