Hartmut Jonas
Literarische Kommunikation im Netz
Abschnitt 2

   
             
 
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Ist das Netz aus der Perspektive der Beschreibung von literarischen Kommunikationsprozessen der große Abfallhaufen, auf dem jeder abladen kann, was ihn bedrückt oder erfreut, wie Rainald Goetz es selbst im Internet praktiziert hat, oder ist es die grandiose Möglichkeit, Öffentlichkeit in der Diskussion über und mit Literatur in einem weit höheren Maße zu erlangen, als es bisher überhaupt denkbar gewesen wäre? Wer mag das heute schon gültig zu beantworten? Mittlerweile haben wir damit zu leben gelernt, dass das Netz alles allen bietet und es fehl am Platze wäre, das neue Medium gegen das alte auszuspielen und in den neuen Medien Gefahren für einen dadurch potenzierten Kulturzerfall sehen zu wollen, wie immer bei Medienwechseln seit Ende des 18. Jahrhunderts befürchtet worden war. Es hat sich aber in der Geschichte der Medienentwicklung gezeigt, dass Medien ihren angemessenen Platz in der individuellen und gesellschaftlichen Kommunikation einnehmen, sich dabei nicht absolut verdrängen oder sich gar ersetzen, sondern sich ergänzen, wie bereits 1913 Wolfgang Riepl festgestellt hat (Burkart/Hömberg 1998, 32, Anm. 34). In diesem Lichte sollen auch die nachfolgenden Ausführungen verstanden werden. Literarische Kommunikation im Netz wird demnach vermutlich nicht uns bisher bekannte gängige literarische Kommunikationsinhalte und -formen ersetzen, sondern eher als ein Teilsystem literarischer Kommunikation das Gesamtsystem ergänzen und vervollständigen.

Literarische Kommunikation ist ein sehr komplexer Prozess, der die unterschiedlichsten Zielvorstellungen, Absichten, Ergebnisse, Bedingungen, Methoden der Konzeptualisierung und Realisierung im Umgang mit Literatur einschließt. S. J. Schmidt stellt fest, dass sich literarische Kommunikationshandlungen auf ästhetisch thematische Kommunikatbasen beziehen, die die Handlungsrollen Produktion, Rezeption, Verteilung und Verarbeitung einschließen, dass das System literarischer Kommunikationshandlungen eine innere Struktur aufweist, über eine Aussen-Innen-Differenzierung verfügt, von der Gesellschaft akzeptiert wird und in der Gesellschaft Funktionen erfüllt, die von keinem anderen Kommunikationssystem substituiert werden. (Schmidt 1991, 233) Diese Merkmale treffen auch auf die literarische Kommunikation im Netz zu, deren Basis der Hypertext ist. Der Hypertext als dynamische Verknüpfung unterschiedlicher Dateien bestimmt wesentlich die Struktur und auch die Funktion des literarischen Kommunikationsprozesses. Natürlich gibt es im Netz auch Texte, die der traditionellen Textvorstellung durchaus ähnlich sein könnten. Im Archiv des Projekts Gutenberg Deutschland findet man viele Texte eines »klassischen Literaturkanons«, bei denen quasi nur das Medium gewechselt zu haben scheint, ansonsten große Ähnlichkeit mit dem literarischen Werk in Buchform besteht. Oft ist der Bezug auf die Buchform ganz bewusst gesucht, um die am Buch ausgebildeten Rezeptionsgewohnheiten für die Online-Lektüre zu aktivieren. In der Mediengeschichte, z.B. vom Übergang von den Handschriften zu den Inkunabeln (bis etwa 1500), gab es immer wieder Beispiele dafür, dass sich das neue Medium im Layout direkt dem ehemals dominierenden anpasste, bis diese Anpassung nicht mehr notwendig war (Böhle 1997, 119). Hier scheint es offensichtlich immer einer Übergangszeit zu bedürfen, ehe sich die Nutzer an ein dem neuen Medium gemäßes Layout gewöhnt haben.

Ohne hier auf die vielfältigen Theoreme und Fragestellungen aus dem Bereich der Hypertexttheorie (Pfammatter 1998, 45ff.) eingehen zu wollen, soll hier nur Folgendes angemerkt werden: Auf CD-ROMs oder auf Disketten, mitunter auch im Netz findet man überwiegend textdominierte Hypertexte, während vernetzte oder multimediale Hypertexte dem Netz vorbehalten bleiben. Im Unterschied zu den überwiegend linearen Texten des Buchmediums sind Hypertexte nicht-linear, sondern hierarchisch strukturiert, wobei die »Technik des operativen Verweisens ... eine neue Art des Schreibens zu ermöglichen« (Böhle 1997, 124) imstande ist. Hypertext ist eine nicht-lineare, nicht-sequentielle Form des Schreibens, die jederzeit potentiell Erweiterungen textueller und multimedialer Art zulässt, wie zum Beispiel die Darstellung der Struktur von Auszügen aus Susanne Berkenhägers »Zeit für die Bombe« verdeutlicht (Runkehl/Schlobinski/Siever 1998, 166/67). Deshalb wird nach Böhle der Hypertextbegriff immer weiter gefasst, und zwar im Hypermediabegriff. »Hypermedia wird zum Sammelbegriff aller digitaler Medien, in denen unterschiedliche Datenformate und Darstellungsformen zusammengeführt werden. Am Ende könnte er zur beweglichen Chiffre für alle medialen Möglichkeiten des Computers werden - aller Arten Informationssysteme (z.B. verschiedene Datenbanken, Informations-Retrieval-Systeme, Expertensyssteme und unter ferner liefen auch Hypertextsysteme i.e.S.) und alle möglichen Techniken der Informationsdarstellung (darunter: Visualisieren, Modellieren, Simulieren) einschließend.« (Böhle 1997, 127).

Das hat für künstlerische Literatur folgende Konsequenzen:

  1. Wirth stellt fest: »Der Hypertext kann ... im Dienst der diskursiven Transparenz stehen oder aber ... der Verrätselung diskursiver Strategien dienen, um absichtlich die Verstehbarkeit der Texte zu erschweren. Gerade im literarisch-ästhetischen Kontext können die intra- und intertextuellen Verweise auch auf falsche Fährten eines ›gigantischen Versteckspiels‹« (1997, 321f.) führen, was in Anlehnung an Deleuze als »rhizomatisches Labyrinth« metaphorisch umschrieben werden könnte. Das funktioniert natürlich auch durch eine wörtlich zu nehmende Intertextualität, die sich in einem Aufeinandertreffen zweier gleichermaßen präsenter und miteinander durch Links verbundener Texte äußert, die sich auf verschiedenen hierarchischen Ebenen befinden können. Durch dieses Prinzip des Hypertextes ist auch erklärlich, dass man bei Netzliteratur nicht mehr vom Buch- und Werkcharakter sprechen sollte, denn der Text, der Hypertext, ist nicht mehr an den medialen Träger »Buch« gebunden, auch nicht an den Begriff »Werk«.
  2. Der Hypertext kann aufgrund seiner Struktur Geschehen polyperspektivisch, dafür aber kaum Entwicklungen und dementsprechend auch kaum Konfliktsituationen darstellen, die beim Leser Spannung erzeugen. Die Fragmentierung der Geschichte(n) verhindert eine narrative Struktur, und das hat Folgen für die Wirkung auf die Nutzer, denn sie ist eben nicht von der erzählten Geschichte, sondern von der Strategie der Fragmentierung abhängig. Ist sie aufgrund großer Offenheit nicht mehr durchsichtig, kommt es zu einer Desorientierung, zur Unlust, zur Langeweile, was das Ende des ästhetischen Erlebnisses bedeutet.
  3. Hypertexte erzählen keine oder höchstens nur ansatzweise Geschichten. Sie zwingen zur Kürze, Verkürzung und zur Fragmentarisierung. Damit sind weitere Konsequenzen verbunden. Nicht auf den Inhalt, sondern auf die Struktur, auf die Form wird besonderer Wert gelegt, bei der man Originelles, von bekannten ästhetischen Schemata Abweichendes schaffen oder das ironische Spiel mit Zitaten treiben will, nicht aber eine Sinnkonstruktion auszulösen trachtet.
  4. Bisher bekannte Medienschemata (Schmidt/Weischenberg 1994, 212ff.) sind nur bedingt übertragbar auf künstlerische Hypertexte. Zwar gibt es auch immer wieder Belege für die Verwendung von Mediengattungsschemata - meist in der Folge epigonalen Schreibens -, doch fällt auch die Tendenz auf, traditionelle Gattungen und Genres nicht zu verwenden, sondern zu vermischen, sie zu bricolieren. Ob es sich dabei lediglich um eine Bricolage handelt oder um neue Gattungsschemata, für die es noch keine eindeutigen Bezeichnungen gibt, ist noch nicht geklärt.
  5. Bei der Entwicklung von Hypertexten spielt als Prinzip die Selbstironisierung eine besondere Rolle, macht zu einem Gutteil ihren Reiz aus. Man nimmt scheinbar selbst nicht ernst, was man im Netz anbietet, und stellt mit einem Augenzwinkern ganz im postmodernen Sinne das traditionelle Medien- bzw. Literatursystem in Frage, wovon z.B. »Reichlins nützliches Literatur-Tool gegen Literatur aller Art« ein anschauliches Beispiel bietet.
  6. Es ist ein wichtiges Merkmal des Hypertextes, dass er mit anderen visuellen und akustischen Komponenten versehen werden kann. Der sprachliche Teil kann mit Bildern, Videos, Fotos, Animationen kombiniert sein, auch mit akustischen Realisationen. Damit verändert sich grundlegend die ästhetische Gestalt des Hypertextes, die auch andere Wahrnehmungsmuster verlangt und hervorruft. Mitunter tritt das Textelement völlig in den Hintergrund.

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Literatur

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