Jan Wirrer
Erna Taege-Röhnisch, Ernst Barlach, der Dom zu Güstrow, Bill Clinton, eine Singer Nähmaschine in Cairns (QLD) und Olaf Henkel
Abschnitt 6

   
             
 
   Essays    
   

Man hat der empirischen Literaturwissenschaft mitunter vorgeworfen, sie stelle Wissen bereit, das vor allem einer allein auf Profit ausgerichteten Kulturindustrie nütze. Dieser Vorwurf ist insofern nicht ganz gerecht, als keine wissenschaftliche Disziplin oder wissenschaftliche Richtung gegen Missbrauch immun ist. Dies gilt für eine sich in erster Linie hermeneutisch verstehende Literaturwissenschaft, aus deren Kreis sich zahlreiche Vertreter in der Vergangenheit nur allzu gern jeweils herrschenden Ideologien und Diktaturen andienten, dies gilt für die Physik, die Chemie, die Medizin, die Sprachwissenschaft, die Ethnologie u.v.a.m. Gegen Missbrauch dieser Art helfen allein Grundeinstellungen und Tugenden, die aus den einzelnen Disziplinen selbst nicht unmittelbar abzuleiten sind. Dazu zählt die Einsicht, dass man sich stets auch im Grundsätzlichen, nicht lediglich im Detail irren kann, dazu zählt ein Mindestmaß an Bescheidenheit, das sich angesichts der Grenzen unserer Erkenntnis und Erkenntnismöglichkeiten bei jedem einstellen müsste, der lang genug im Geschäft ist, dazu zählt nicht zuletzt der Mut, gegen den Strom zu schwimmen und Unpopuläres nicht nur im kleinen Kreise sondern auch in der Öffentlichkeit zu äußern. Der mögliche Missbrauch ist also nicht der Punkt und zielt am Kern der Sache vorbei.

Die empirische Literaturwissenschaft elizitiert Daten zu dem Teil des Kulturbetriebes, der in der einen oder anderen Form mit Belletristik zu tun hat. Sie ist nicht Teil dieses Systems selbst, greift idealiter in die darin ablaufenden Prozesse nicht ein und vermittelt uns einen zuverlässigen Einblick in Art und Funktionsweise dieses Systems. Auf der Basis der von ihr erarbeiteten Erkenntnisse vermag sie sogar Argumente zu stützen, die dafür sprechen, dass eine Gesellschaft wie die unsere eines solchen sozialen Teilsystems bedarf. Zum Erhalt bzw. zur Reproduktion dieses Systems trägt sie nichts bei. Sie analysiert in diesem System ablaufende Prozesse ex post und vermag, will sie ihrer eigenen Grundkonzeption treu bleiben, solche Prozesse weder zu initiieren noch zu steuern oder zu modifizieren. Vor dem sprachlichen Kunstwerk selbst muss sie verstummen, ihre Arbeit beginnt erst, wenn dieses rezipiert und verarbeitet wird.

Die in dem Literatursystem ablaufenden Prozesse haben als wissenschaftliche Objekte unbezweifelbar ihre eigene Dignität. Das hauptsächliche Verdienst der empirischen Literaturwissenschaft liegt darin, diese mit sozialwissenschaftlich bewährten Methoden zu erforschen und durch falsifizierbare Hypothesen zur gesicherten Wissenserweiterung beizutragen. Eines ideologischen Überbaus, wie er in meinen Augen der radikale Konstruktivismus darstellt, der - zuende gedacht - auf einen nicht minder radikalen Solipsismus hinausläuft, bedarf die empirische Literaturwissenschaft zur Erfüllung dieser Aufgabe allerdings nicht, ja, ideologische Petrifizierungen dieser Art vermögen die empirische Arbeit nur wenig zu befördern und wirken sich vor allem dann hinderlich aus, wenn die Rückkopplung mit der empirischen Basis nicht mehr funktioniert.

Wenn die Universität einen Bildungsauftrag hat, dann muss sie auch für die Reproduktion des Literatursystems Sorge tragen. Dies gilt vor allem mit Hinblick auf die Belletristik vergangener Epochen, die ohne Traditionsvermittlung aus dem - prinzipiell allerdings offenen - Kanon kollektiven Wissens herausfallen. Dieses Problem wird angesichts der zunehmenden Individualisierung von Wissen immer virulenter, und eine wichtige Aufgabe aller traditionsvermittelnden Disziplinen wird darin bestehen, eine Balance zwischen individuellem und kollektivem Wissen herzustellen. Es wäre vermessen, wollte ich behaupten, ich könne einen Weg vorschlagen, der dieses Problem auch nur in Ansätzen löst. Eines allerdings ist sicher: es muss neben einer empirischen Literaturwissenschaft eine anders ausgerichtete Literaturwissenschaft geben, welche die Vermittlung oder doch zumindest das Offenhalten von Tradition zu ihrer zentralen Aufgabe macht. Ob deren Vorgehensweise nun auf der Basis hermeneutischer oder anders gearteter wissenschaftstheoretischer Überlegungen zu beschreiben ist, bleibt angesichts der zu bewältigenden Aufgaben zweitrangig.

Aus heutiger Sicht - und aus der Perspektive eines Wissenschaftlers, der Literaturwissenschaft zumindest in der Forschung heute nur noch am Rande betreibt - muten die alten Konflikte zwischen einer sich hermeneutisch verstehenden Literaturwissenschaft und einer neuen, sich entfaltenden empirischen Literaturwissenschaft eher bizarr an. Die durch die Marktradikalen entfesselte verbale Hexenjagd auf Andersdenkende, die Reduzierung alter Kulturräume auf ihre Funktion als Wirtschaftsstandort, die kurzsichtige Utilitarisierung von Wissen, das unreflektierte Modernisierungsgerede, das globalisierte Roulette der Börsenspekulanten und was der Scheußlichkeiten mehr sind, all dies droht die lebensnotwendigen Ressourcen, die uns die kulturelle Überlieferung bietet, zu verstopfen. Wenn wir dies nicht erkennen, wenn wir uns der Verantwortung gegenüber der kulturhistorischen Tradition und gegenüber der zukünftigen Entwicklung unserer sich globalisierenden Gesellschaft nicht stellen, wenn wir die in dieser Tradition auffindbaren Alternativen nicht offenhalten, uns vermeintlichen Trends ungefragt anpassen und alles den selbsternannten Modernisierern überlassen, gibt es für die Literaturwissenschaft, ob nun hermeneutisch, empirisch oder sonstwie, bald kaum mehr etwas zu lehren und fast nichts mehr zu erforschen.

Vullendiget to Waldenbrug des Sundages
na Sunte Barbaras dach na Godes bord
dusent jar negenhundert jar negentych jar darna
in den negenden jare (A.D. MCMXCIX)

nach oben

 
Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Abschnitt 5

Abschnitt 6

Druckversion