Jan Wirrer
Erna Taege-Röhnisch, Ernst Barlach, der Dom zu Güstrow, Bill Clinton, eine Singer Nähmaschine in Cairns (QLD) und Olaf Henkel
Abschnitt 5

   
             
 
    Essays    
   

Meine Behauptung ist, dass Olaf Henkel, derzeitiger oberster Repräsentant des »Bundesverbandes der deutschen Industrie« (BdI), mit der Nähmaschine in Cairns nur wenig, mit dem Dom zu Güstrow, Ernst Barlach und Erna Taege-Röhnisch fast gar nichts und mit Bill Clinton ein wenig mehr als mit der Nähmaschine zu tun hat.

Olaf Henkel ist ein Fundamentalist und liegt mit seinen radikalen Ansichten voll im gegenwärtigen Trend. Ein Fundamentalist ist jemand, der lediglich eine Grundidee verfolgt und diese in allen Bereichen der Gesellschaft realisiert wissen möchte. In komplexen Gesellschaften speisen sich solche Ideen meist aus den vorschnell übergeneralisierten Erfahrungen und Interessen eines Teilsystems. Ein Fundamentalist in diesem Sinne war z.B. der Ayatolla Khomeini, der eine gesamte Gesellschaft nach dem Teilsystem Religion auszurichten versuchte, mit fatalen Folgen für die Bereiche der Ökonomie, der Justiz, der Bildung, des Kulturbetriebes u.a.m., wie bereits vor seiner Machtübernahme unschwer vorherzusehen war. Ein Fundamentalist war bei aller kleinbürgerlichen Spießigkeit auch Erich Honecker, der die gesamte Gesellschaft nach einem Parteiprogramm und dem Teilsystem Politik zu formen sich bemühte, mit fatalen Folgen, wie wir wissen, für die Ökonomie, aber auch für andere soziale Teilsysteme. Nicht weniger zerstörerisch wäre es z.B., wollte man alle gesellschaftlichen Teilsysteme nach dem Teilsystem Wissenschaft oder Kunst modellieren. Fundamentalisten sind Gegner der Aufklärung, sie mystifizieren ihre eigenen Ansichten, die sie als unverrückbare ewige Wahrheiten ausgeben, und entziehen sich jedem kritischen Diskurs. Allein die Frage, wessen es denn bedürfe, damit sie ihre Ansichten aufgäben oder doch wenigstens modifizierten, dürfte bei ihnen ungläubiges Staunen hervorrufen - frei nach dem Motto von Erich, dem Behüteten: Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf, wobei wir heute wissen, dass bereits eine schlecht vorbereitete Pressekonferenz den Niedergang des Sozialismus beschleunigen konnte. Und schliesslich, um meinen Ausführungen ein wenig Lokalkolorit zu verleihen, zwei Fundis, die in einer weniger komplex strukturierten Gesellschaft in voraufklärerischer Zeit ihr Unwesen trieben: Johann Beuckels von Leyden, genannt Jan Bockelson, und Bernhard Knipperdolling, radikale Wiedertäufer, die in den Jahren 1534/35 in der Stadt Münster ein zerstörerisches Schreckensregime errichteten. Nun, Jan Bockelson und Bernhard Knipperdolling wurden 1536 hingerichtet, Erich Honecker starb im Jahre 1995 im chilenischen Exil eines natürlichen Todes, die Klerikalfaschisten beherrschen den Iran nach wie vor, doch der Iran ist weit weg trotz Globalisierung, befassen wir uns also mit Olaf Henkel und dem gegenwärtigen Trend.

Henkel und seine Glaubensbrüder und -schwestern sind Marktradikale.[3] Als solche sind sie Anhänger des betriebswirtschaftlichen Modells, das sie auf ausserökonomische Teilsysteme der Gesellschaft zu übertragen versuchen. Betroffen von dieser Kampagne ist bereits der gesamte Bereich der Bildung, vor allem aber das Politiksystem - und die Frage, wer uns heute eigentlich regiert, die demokratisch gewählten Volksvertreter oder die nur in ihren Verbänden demokratisch legitimierten Vertreter der Wirtschaft, ist so unberechtigt nicht. Die Marktradikalen haben es verstanden, die Definitionsmacht über zentrale Begriffe des öffentlichen Diskurses zu erlangen. Dazu gehört z.B. der positiv besetzte Begriff der Modernisierung. Jede Entwicklung, die eine Anpassung an das betriebswirtschaftliche Modell erkennen lässt, ist Ausdruck der Modernisierung und folgt - wie sie uns glauben machen wollen - dem unentrinnbaren Trend, dem sich alle Teilsysteme der Gesellschaft früher oder später anzupassen haben. Wer auch nur die leisesten Zweifel anmeldet, gilt als Traditionalist, als ewig Gestriger, als Zeitgenosse mit einem falschen Bewußtsein, als jemand, der die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hat. Traditionalisten sind nach diesem Verständnis z.B. Umweltschützer, Sozialpolitiker, aber auch Intellektuelle, die wie z.B. Günter Grass, aber auch Oskar Lafontaine unsere demokratisch verfasste Gesellschaft durch den Machtzuwachs der Marktradikalen in ihren Fundamenten gefährdet sehen. Und - wen erstaunt es? - auch der Verfasser dieses Beitrages ist ein Traditionalist, ein absolut hoffnungsloser Fall.

Welchen Stellenwert haben die oben angestellten Überlegungen zum Offenhalten kultureller Traditionen bzw. zur Weitergabe tradioneller Wissensbestände kultureller Überlieferungen im Weltbild des Marktradikalismus? - Konsequenterweise keinen oder keinen nennenswerten. Zur Beantwortung der Frage, warum das so ist, muss ich noch einmal weiter ausholen und mich mit zwei Konzepten, wenn schon nicht exhaustiv, so doch in einer groben Problemskizze auseinandersetzen, nämlich dem Wissenskonzept und - wie altmodisch - dem Bildungskonzept.

Ganz dem herrschenden Trend entsprechend wird der Begriff des Wissens zunehmend auf eine rein utilitaristische Interpretation verengt. Von Wert ist vor allem das Wissen, das mir hilft, ökonomisch zu bestehen, und/oder das sich zum wirtschaftlichen Wohl eines Betriebes anwenden und verwerten lässt - und die Relevanz dieses Wissens soll hier nicht bestritten werden. Alles Wissen jedoch, das diesen Nachweis nicht erbringt, fällt der Entrümpelung anheim. Wenn man diesen Gedanken konsequent weiter verfolgt, müsste man daher die kulturwissenschaftlichen Studiengänge in einem ersten Schritt von ihren tradierten Bildungsinhalten befreien und angesichts der neuen Medienlandschaft - und dies hiesse letztendlich unter dem Diktat der Einschaltquoten - neu bewerten. Ernst Barlach hätte da wohl kaum eine Chance, Erna Taege-Röhnisch erst recht nicht, Goethe im abgelaufenen Goethejahr 1999 durchaus, mit Beginn des Jahres 2000 wohl weniger, Erich Kästner bestenfalls von Januar bis März 1999, mit einiger Sicherheit am 23. Februar, danach wohl kaum mehr, Jean Sibelius - vielleicht - frühestens im Jahre 2007 anlässlich seines 50. Todestages etc. Mit anderen Worten: Diese überlieferten Bildungsinhalte liessen sich verschieben auf den Freizeitmarkt und müssten lediglich leicht konsumierbar aufbereitet werden. Sie reduzierten sich auf Mittel zur Rekreation, dienten zuvorderst der mentalen Stärkung, um so das nächste Börsengeschäft erfolgreich abzuschliessen, und träten damit in Konkurrenz zum Freizeitsport, zum mentalen Training für Manager u.ä.m. Ich will gern zugeben, dass dieses Szenario ein wenig übertrieben ist, aber das administrative Bemühen, die Universitäten in Einklang mit der herrschenden Marktideologie zu reinen Ausbildungsstätten zu reduzieren, gibt zu derartigen Befürchtungen genügend Anlass. Damit will ich den Ausbildungsauftrag der Universitäten keineswegs in Frage stellen, ich bin jedoch Traditionalist genug, weiterhin dafür zu plädieren, dass die Universitäten neben einem Ausbildungsauftrag, auch einem Forschungsauftrag und - hier müssten sich den exponiertesten Marktradikalen die Nackenhaare sträuben - einem Bildungsauftrag nachzukommen haben.

Wenn ich mich weiterhin für den Bildungsauftrag der Universitäten einsetze, so bedeutet dies nicht, dass ich den überkommenen spießigen Bildungsbegriff favorisiere, der die Bildungsinhalte auf Artefakte der bildenden Kunst, der Musik, der Belletristik und bestenfalls noch der Baukunst beschränkt. Die Grundbegriffe der Thermodynamik sollten einem durchaus vertraut sein, ebenso die Basisannahmen der Newtonschen Physik wie auch der Relativitätstheorie, man sollte wissen, dass die Kornweihe ein Greifvogel ist und kein Ritual im Rahmen des Erntedankfestes und selbstverständlich sollte man auch mit den Namen Adam Smith und John Maynard Keynes etwas verbinden können.

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