Jan Wirrer
Erna Taege-Röhnisch, Ernst Barlach, der Dom zu Güstrow, Bill Clinton, eine Singer Nähmaschine in Cairns (QLD) und Olaf Henkel
Abschnitt 4

   
             
 
    Essays    
   

Was den ersten Gesichtspunkt betrifft, so liefern Barlachs »Der Schwebende« und der Güstrower Dom ein einschlägiges Beispiel. Der Güstrower Dom, mit dessen Bau im Jahre 1226 begonnen wurde, ist bau- und stilgeschichtlich der norddeutschen Backsteingotik zuzuordnen, Ernst Barlachs Skulpturen, deutlich geprägt von Eindrücken einer Russlandreise im Jahre 1906 und kunsthistorisch nicht leicht einzuordnen, sind aufgrund ihrer charakteristischen Stilprinzipien, ihrer geschlossenen äusseren Form und ihrer vom Detail abstrahierenden Grossflächigkeit, eindeutig ein Werk aus dem ersten Drittel des 20. Jhd. Die Wirkung des »Schwebenden«, so wie die Skulptur im Güstrower Dom plaziert ist, resultiert nicht zuletzt aus dieser Spannung von sieben Jahrhunderten. Das Erfahren dieser Spannung bedarf, so denke ich, eines Mindestmasses an bau- und kunsthistorischer Kenntnis. Ein Erlebnis dieser Art ist aber immer auch ein Stück Selbstorientierung: an Artefakten aus der Vergangenheit der Gesellschaft, aus der man selbst hervorgegangen ist, und an einer durch die Vergangenheit begrenzt offenen Zeitlichkeit, die den Abstand zu diesen Artefakten signalisiert. Die Relevanz einer solchen Orientierung wird - zumindest für einen Europäer - dort manifest, wo sie nur eingeschränkt möglich ist. Auf einer längeren Reise durch das australische Queensland besuchte ich vor Jahren zusammen mit meiner Frau das Museum in Cairns, weit im tropischen Norden des Bundesstaates gelegen. Das älteste Exponat, durch welches dort die Kultur der europäischen Einwanderer dokumentiert wurde, war eine Singer Nähmaschine, wie ich sie aus dem Haushalt meiner Grosseltern kannte. Es ist evident, dass ein solches Exponat zwar ebenfalls zu einer Selbstorientierung im o.g. Sinne führen kann, nicht weniger evident ist es, dass es sich dabei um eine vergleichsweise enge Selbstorientierung handelt.

Der andere Gesichtspunkt, das Offenhalten von Alternativen, bedürfte einer ausführlichen Diskussion und kann hier kaum mehr als erwähnt werden. Mit Hinblick auf Barlachs »Schwebenden« sind hier wenigstens zwei Gesichtspunkte relevant: die Skulptur als Alternative in der Zeit ihrer Entstehung und vor allem im Jahrzehnt danach und die Skulptur - und Barlachs bildhauerisches Werk insgesamt - als Alternative aus der Sicht des heutigen Betrachters. Unter dem erstgenannten Gesichtspunkt bietet sich ein Vergleich mit dem Werk des von den Nationalsozialisten geförderten Bildhauers Arno Breker an. Breker schuf bekanntlich eine Reihe von brutalen Monumentalskulpturen, die sich in der Darstellung des von den Nazis propagierten ›Herrenmenschen germanischen Blutes‹ erschöpften. Ganz anders dagegen Barlach, dessen Skulpturen alles andere als Herrenmenschen darstellen und in denen statt eines heroischen Pathos menschliches Leid, Angst, verweilende Konzentration, aber auch Freude zum Ausdruck gelangen. Vor dem Hintergrund des beginnenden 21. Jhd. bietet Barlachs bildhauerisches Werk - und somit auch »Der Schwebende« - eine andere Art von Alternative: inmitten unserer verlärmten, auf kurzfristige Effizienz ausgerichteten und rundum sich verbörsenden Welt mahnen Barlachs Skulpturen zum Innehalten, zur Langsamkeit und zur konzentrierten Auseinandersetzung mit einem einmal gewählten Gegenstand. Eine ähnliche Alternative bietet, wie ich meine, das zitierte Gedicht von Erna Taege-Röhnisch: ausgehend von Barlachs »Schwebenden« lädt es ein zu konzentrierter Lektüre, zum Wiederlesen und zur Reflexion auf den Lesenden selbst.

Aufgrund der meiner Generation zugewachsenen Verantwortung, Traditionen und Alternativen offenzuhalten, historische Orientierung weiterhin zu ermöglichen, darf es mich als Universitätslehrer nicht gleichgültig lassen, wenn meine Studenten mit dem Namen Ernst Barlach nichts verbinden, seine Werke nicht kennen und mit einem - wie ich finde, gelungenen - Gedicht einer niederdeutsch schreibenden Autorin zu Barlachs »Der Schwebende« wenig anzufangen wissen. Wenn nun Traditionsvermittlung im hier skizzierten Sinne das Ziel ist, so kommt es zunächst einmal darauf an, bei den Studierenden ein lebendiges Interesse an den zur Diskussion stehenden Gegenständen zu wecken. Dieses Ziel erlaubt es, von den Pfaden einer streng verstandenen Wissenschaftlichkeit hin und wieder abzuweichen, Persönliches einzustreuen und nicht hinreichend definierte Begriffe zu verwenden, ohne dabei allerdings die Normen eines kontrollierten und nachvollziehbaren Diskurses vollständig zu verlassen. Auratische Selbststilisierungen, wie sie mit rückläufiger Tendenz bis heute anzutreffen sind, oftmals lediglich raunender Ausdruck des Bedauerns darüber, nicht selbst der Dichter gewesen zu sein, sind allerdings auch in diesem Zusammenhang zu vermeiden und laufen dem Ziel zuwider, Traditionen in einem demokratischen Gemeinwesen - auch wenn die Erfahrung oft dagegenspricht, idealiter eine Diskursgemeinschaft mit gleichberechtigten Teilnehmern - zu vermitteln oder wenigstens doch offenzuhalten.

Die empirirische Literaturwissenschaft, soweit ich sie kenne, und eine entsprechend modellierte empirische Kulturwissenschaft können die Notwendigkeit, Tradition offenzuhalten, weder begründen noch vermögen sie nennenswert zur Vermittlung von Tradition im o.g. Sinne beizutragen. Ihre Aufgaben sind anderer Natur, und da sich die Kulturwissenschaften ihrerseits nicht auf die Aufgabe der Traditionsvermittlung beschränken dürfen, haben sie ihren berechtigten Platz im Ensemble kulturwissenschaftlicher Aktivitäten. Doch bevor ich diesen Punkt weiter vertiefe, soll Olaf Henkel zu seinem Recht kommen.

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