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Jan Wirrer |
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Wenn der mit dieser Festschrift Geehrte meinen Beitrag überhaupt bis zu diesem Punkt gelesen hat, wird er möglicherweise einigermassen entsetzt sein und sich fragen, was eigentlich in mich gefahren sei. Mit empirischer Literaturwissenschaft hat das alles herzlich wenig zu tun. Eine Skizzierung der Problemstellung, die am Beginn einer solchen Untersuchung stehen müsste, findet sich nicht einmal in Andeutungen. So wird nicht deutlich, ob das Gedicht unter Gesichtspunkten der Textproduktion, der Textvermittlung oder der Textrezeption betrachtet werden soll. Zahlreiche Begriffe sind ungeklärt und für eine Operationalisierung in der oben präsentierten Form untauglich. Dies gilt zum Beispiel für den Begriff der Geschlossenheit unter dem man vielerlei - allerdings auch nicht Beliebiges - verstehen kann wie z.B. äussere Abgeschlossenheit bzw. figürliche Abgeschlossenheit oder Verschlossenheit, es gilt nicht weniger für Begriffe wie das Vertraute oder gar das Spirituell-Göttliche. Damit ist auch die Frage berechtigt, ob es sich bei dem beschriebenen Vorgehen - wenn schon nicht um empirische Literaturwissenschaft - überhaupt um Wissenschaft handelt. Trivialerweise hängt die Antwort auf diese Frage zwar vom jeweils vertretenen Wissenschaftsbegriff ab, meine Antwort auf diese Frage fällt jedoch wesentlich radikaler aus: Mit Bezug auf die oben geschilderte Seminarsitzung ist es mir egal, ob es sich bei dem, was als Ergebnis unserer Interpretationsbemühungen festzuhalten ist, um Wissenschaft handelt oder nicht, wenn denn einigermassen kontrolliert und nachvollziehbar argumentiert wird. Habe ich also verantwortungslos gegenüber meinen Studenten gehandelt? Habe ich mit meinem Vorgehen die Prinzipien der Institution, in welcher ich tätig bin, einer wissenschaftlichen Hochschule also, aufs Gröbste verletzt, wenn ich beiläufig zugebe, es sei mir egal, ob meine Ausführungen das Prädikat Wissenschaft verdienen oder nicht? Ich meine nein, und damit wären wir bei Bill Clinton. Nach seiner ersten Wahl im November 1992 wurde Bill Clinton am 20.01.1993 als 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Bekanntermassen ist die Verfassung der USA eine Präsidialverfassung, welche dem Präsidenten erhebliche politische und administrative Rechte einräumt. Wenn man weiter bedenkt, dass nach dem Kollaps der kommunistischen Regime Ost- und Mittelosteuropas bereits 1992 die USA die einzig verbliebene Weltmacht war, so wurde Clinton mit seiner Inauguration zum mächtigsten Mann der 90er Jahre. Warum ist dieses Ereignis im hier zu diskutierenden Zusammenhang relevant? Bill Clinton und ich gehören ungefähr denselben Jahrgängen an - ja ich bin sogar noch ein wenig älter als der derzeitige Präsident der USA - , und dies bedeutet, dass diese Jahrgänge spätestens im letzten Jahrzehnt des 20. Jhd. weltweit in die Führungspositionen aufrücken. Was daher in den nächsten 10 bis 15 Jahren geschieht, liegt im wesentlichen in unserer Hand. Damit wächst uns eine Verantwortung zu, die wir in dieser Form zuvor nicht hatten, und einjeder sollte sich fragen - je nach der Position, die er im gesellschaftlichen Gefüge einnimmt -, welche Art von Verantwortung dies in seinem Falle sein könnte. Für einen Universitätslehrer der Kulturwissenschaften im weitesten Sinne liegt diese Verantwortung nicht zuletzt in der Vermittlung von Tradition oder zumindest doch im Offenhalten von Tradition. Denn wenn wir bestimmte Wissensbestände nicht an die folgende Generation weitergeben und damit am Leben erhalten, wer sollte es dann tun? Dies wirft allerdings zunächst die Frage auf, um welche Traditionsbestände es sich in dem oben geschilderten Beispiel handelt. Es geht nicht um Wissenschaftsgeschichte, da wäre ein anderes Vorgehen erforderlich gewesen, es geht um nichts weniger als um Wissensbestände aus der Überlieferung der bildenden Kunst und der Belletristik. Bekanntlich geht es bei diesem Wissen um zumindest zweierlei: um eine Orientierung im historischen Raum und um ein Offenhalten von Alternativen. |
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