Jan Wirrer
Erna Taege-Röhnisch, Ernst Barlach, der Dom zu Güstrow, Bill Clinton, eine Singer Nähmaschine in Cairns (QLD) und Olaf Henkel
Abschnitt 2

   
             
 
    Essays    
   

Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an meinem Seminar war Ernst Barlach gänzlich unbekannt. Keiner von ihnen war jemals in Güstrow gewesen. Damit wurde ein längerer Exkurs über Ernst Barlach (1870-1938) und die Geschichte der Skulptur erforderlich. Ich habe die Studierenden also auf Barlachs überragende Bedeutung als Bildhauer hingewiesen, habe sie darüber informiert, dass Barlach auch als expressionistischer Schriftsteller, vor allem als Dramatiker, hervorgetreten ist, habe sie darüber informiert, dass es in Güstrow, wo er lange gelebt und gewirkt habe, in der Gertrudenkapelle und im Atelier des Küstlers ständige Ausstellungen seiner Werke gebe wie auch im Ernst Barlach-Haus im Hamburger Jenischpark und schliesslich in Ratzeburg, wo Ernst Barlach beigesetzt wurde. Desweiteren habe ich seine Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten erwähnt und die Teilnehmer darüber informiert, was mit Barlachs Werk zu dieser Zeit geschah. Ich habe erzählt, dass ich als Jugendlicher mehrmals Ausstellungen mit Skulpturen Ernst Barlachs besucht habe, und dass ich, wenn es die Zeit erlaubt, mir die in Güstrow ausgestellten Exponate immer wieder gern ansehe - insbesondere die in der Gertudenkapelle, wo die Skulpturen sowohl vom Platz als auch von den Lichtverhältnissen her einen hervorragen Standort haben -, wobei ich auch den Dom besuche, wo mich Barlachs »Schwebender« immer wieder beeindruckt. Ich habe mich gegenüber meinen Studenten also als ein Verehrer des bildhauerischen Werkes Barlachs »geoutet«, wie das heute heisst, und auch zu erkennen gegeben, dass ich sein schriftstellerisches Oevre weniger schätze.

Die Skulptur »Der Schwebende« hat ihre eigene Geschichte, die eng mit der Geschichte der 20er, 30er, 40er und 50er Jahren des 20. Jhd. verbunden ist. Inwieweit diese für das Verständnis des Gedichtes von Erna Taege-Röhnisch relevant ist, bleibt im einzelnen zu prüfen. Jedenfalls habe ich folgende Details dieser Geschichte meinen Studenten meinen Studentinnen und Studenten übermittelt: »Der Schwebende« wurde von Barlach als Ehrenmal für die Toten des ersten Weltkrieges konzipiert und im Jahre 1927 anlässlich der 700-Jahr-Feier des Domes von der Domgemeinde übernommen. Da Barlachs Kunst von den nationalsozialistischen Machthabern als entartet eingestuft wird, wird die Skulptur 1937 aus dem Dom entfernt. 1941 wird der Bronzeguss wehrwirtschaftlichen Zwecken zugeführt und eingeschmolzen. 1942 lassen Freunde Barlachs nach der Gussform heimlich einen Zweitguss herstellen, welchen sie anschliessend in der Lüneburger Heide verbergen. Im gleichen Jahr wird die Gussform bei einem Bombenangriff zerstört. Im Jahre 1950 wird der Zweitguss in der Antoniterkirche zu Köln aufgehängt. 1953 erhält die Gemeinde des Güstrower Domes einen Neuguss, dessen Gussform vom Zweitguss abgenommen wurde. Hinsichtlich seiner Konzeption äussert sich Barlach 1926 dahingehend, dass er für das niedrige Gewölbe des Seitenschiffes des Doms eine schwebende Figur plane, »die ganz in sich geschlossen sei und das Höchste an Konzentration darstelle. Sie solle über den Alltag hinausführen in eine andere Welt.[2]«

Schliesslich habe ich - unabdingbar für eine adäquate Kontextualisierung des Gedichtes - den Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern zwei Photographien der Barlachschen Skulptur gezeigt, eine Detailaufnahme und eine Aufnahme, welche »Den Schwebenden« in seiner Umgebung, dem erwähnten Seitenschiff des Güstrower Domes, zeigt. Was bei der Skulptur sofort auffällt, ist tatsächlich ihre, von Barlach auch so intendierte, äussere Geschlossenheit und ihre Grossflächigkeit, zwei Charakteristika, die sich in vielen Figuren Barlachs nachweisen lassen wie z.B. »Das Grauen« aus dem Jahre 1923, »Der Asket« aus dem Jahre 1925 oder »Der Klosterschüler« aus dem Jahre 1930:

Die eingehende Analyse der beiden Photos ergab nach einer kurzen Diskussion folgendes Resultat: »Der Schwebende« wirkt mit seinen geschlossenen Augen, seinem unverkrampft geschlossenen Mund, seinen verschränkten Armen und seinen auf den Oberarmen liegenden Händen stark in sich gekehrt. Nichts dringt nach aussen, nirgendwo ein Zeichen der Zuwendung hin zum Betrachter, eine vollends in sich ruhende Figur, die sich jeder Kommunikation verweigert, ja den Betrachter möglicherweise noch nicht einmal wahrnimmt.

Der nächste Schritt führte wieder zurück zum Gedicht. In der ersten Strophe kommt die Fremdheit, die von der Skulptur Barlachs ausgeht, zum Ausdruck. Dies wird dadurch erreicht, dass lediglich gesagt wird, was der Schwebende nicht ist: weder das Vertraute und Alltägliche wie Vögel und Wolken, noch das Spirituell-Göttliche. Und doch steht oder besser schwebt , wie es in der zweiten Strophe heisst, von Beginn an über dem Betrachter. In der dritten Strophe wird »Der Schwebende« als beobachtender und wissender Chronist dargestellt, der weiss, was den Betrachter innerlich bewegt und was dieser in seiner Umgebung bewirkt und zwar in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aber dieses Wissen erzeugt bei dem Schwebenden keine nach aussen sichtbare Reaktion, er ist unfähig zu weinen. Die Geschichte der Skulptur wird in dem Gedicht nicht thematisiert, auch eine zwischen den Zeilen zu lesende Anspielung darauf ist nicht zu erkennen.

nach oben

 
Abschnitt 1

Abschnitt 2

Abschnitt 3

Abschnitt 4

Abschnitt 5

Abschnitt 6

Druckversion