In ihrem ersten Anschreiben an die Autoren dieser Festschrift äussern sich die Herausgeber u.a. wie folgt:
Nach unserer Vorstellung soll der Band eine eher persönliche Note tragen. Wir möchten Sie daher um einen Essay bitten, in dem Sie Ihre eigene Forschungs- und Fortschrittsgeschichte mit ihren Wechselbezügen zu SJS und seinen Arbeiten darstellen. Gemeinsame wissenschaftliche Grundsätze, Leitideen und Interessen sollten ebenso thematisiert werden wie Differenzen und eine Einschätzung der Entwicklung aus heutiger Sicht.
Dieser Bitte möchte ich mit meinen folgenden Überlegungen entsprechen. Dabei geht es mir um die Klärung der Frage, was Erna Taege-Röhnisch, Ernst Barlach, der Dom zu Güstrow, Bill Clinton, eine Singer Nähmaschine in Cairns (QLD) und Olaf Henkel miteinander verbindet.
Zu den Texten, die im Rahmen meiner Lehrveranstaltung »Niederdeutsche Autorinnen des 20. Jahrhundert« (WS 1999/2000) gelesen und diskutiert wurden, gehörte u.a. das folgende Gedicht der Mecklenburger Dichterin Erna Taege-Röhnisch (1909-1998), das ich hier des leichteren Verständnisses wegen zusammen mit einer Arbeitsübersetzung zitiere:
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Dä Barlach-Engel in‹n Dom to Güstrow Nich Vogel, nich Wulk, wat kömmt un geiht, ok dä nich, dä di behöden deit. Hä is‹t, dä ümmer boben di steiht van Anfang an. Hä is‹t, Mensch, dä upschrifft, dä wett, hüert un süht, wat in di un an di un van di geschüht gistern, morgen un hüt un nich wenen kann |
Der Barlach-Engel im Dom zu Güstrow Nicht Vogel, nicht Wolke, was [die] kommt und geht, auch der nicht, der dich behütet. Er ist es, der immer über dir steht von Anfang an. Er ist es, Mensch, der aufschreibt, der weiß, hört und sieht, was in dir und an dir und von dir geschiet gestern, morgen und heute und nicht weinen kann |
Der Text wurde 1992 in Erna Taege-Röhnischs Gedichtband »En Vogel hett sungen« im Hinstorff-Verlag, Rostock, veröffentlicht und in die von Dieter Bellmann herausgegebene Anthologie »Keen Tiet för den Maand« aufgenommen, nach welcher ich den Text zitiere.[1]
Sprachlich bereitet das Gedicht wenig Schwierigkeiten, auffällig sind bestenfalls die zahlreichen Umlaute wie in hä und dä, vermutlich eine - nicht unproblematische - orthographische Repräsentation des Diphthongs [ei], ein Charakteristikum der Mecklenburgischen Sprachlandschaft, das z.B. bei Fritz Reuter mit ei wiedergegeben wird. Sprachlich einfach gehalten, ist das Gedicht inhaltlich relativ opak und bedarf der Aufschlüsselung. Dazu ist die Kenntnis des Gegenstandes, auf den in der Überschrift referiert wird, nämlich Ernst Barlachs Skulptur »Der Schwebende«, von welcher ein Abguss in einem Seitenschiff des Güstrower Domes hängt, unabdingbar.
Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an meinem Seminar war Ernst Barlach gänzlich unbekannt. Keiner von ihnen war jemals in Güstrow gewesen. Damit wurde ein längerer Exkurs über Ernst Barlach (1870-1938) und die Geschichte der Skulptur erforderlich. Ich habe die Studierenden also auf Barlachs überragende Bedeutung als Bildhauer hingewiesen, habe sie darüber informiert, dass Barlach auch als expressionistischer Schriftsteller, vor allem als Dramatiker, hervorgetreten ist, habe sie darüber informiert, dass es in Güstrow, wo er lange gelebt und gewirkt habe, in der Gertrudenkapelle und im Atelier des Küstlers ständige Ausstellungen seiner Werke gebe wie auch im Ernst Barlach-Haus im Hamburger Jenischpark und schliesslich in Ratzeburg, wo Ernst Barlach beigesetzt wurde. Desweiteren habe ich seine Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten erwähnt und die Teilnehmer darüber informiert, was mit Barlachs Werk zu dieser Zeit geschah. Ich habe erzählt, dass ich als Jugendlicher mehrmals Ausstellungen mit Skulpturen Ernst Barlachs besucht habe, und dass ich, wenn es die Zeit erlaubt, mir die in Güstrow ausgestellten Exponate immer wieder gern ansehe - insbesondere die in der Gertudenkapelle, wo die Skulpturen sowohl vom Platz als auch von den Lichtverhältnissen her einen hervorragen Standort haben -, wobei ich auch den Dom besuche, wo mich Barlachs »Schwebender« immer wieder beeindruckt. Ich habe mich gegenüber meinen Studenten also als ein Verehrer des bildhauerischen Werkes Barlachs »geoutet«, wie das heute heisst, und auch zu erkennen gegeben, dass ich sein schriftstellerisches Oevre weniger schätze.
Die Skulptur »Der Schwebende« hat ihre eigene Geschichte, die eng mit der Geschichte der 20er, 30er, 40er und 50er Jahren des 20. Jhd. verbunden ist. Inwieweit diese für das Verständnis des Gedichtes von Erna Taege-Röhnisch relevant ist, bleibt im einzelnen zu prüfen. Jedenfalls habe ich folgende Details dieser Geschichte meinen Studenten meinen Studentinnen und Studenten übermittelt: »Der Schwebende« wurde von Barlach als Ehrenmal für die Toten des ersten Weltkrieges konzipiert und im Jahre 1927 anlässlich der 700-Jahr-Feier des Domes von der Domgemeinde übernommen. Da Barlachs Kunst von den nationalsozialistischen Machthabern als entartet eingestuft wird, wird die Skulptur 1937 aus dem Dom entfernt. 1941 wird der Bronzeguss wehrwirtschaftlichen Zwecken zugeführt und eingeschmolzen. 1942 lassen Freunde Barlachs nach der Gussform heimlich einen Zweitguss herstellen, welchen sie anschliessend in der Lüneburger Heide verbergen. Im gleichen Jahr wird die Gussform bei einem Bombenangriff zerstört. Im Jahre 1950 wird der Zweitguss in der Antoniterkirche zu Köln aufgehängt. 1953 erhält die Gemeinde des Güstrower Domes einen Neuguss, dessen Gussform vom Zweitguss abgenommen wurde. Hinsichtlich seiner Konzeption äussert sich Barlach 1926 dahingehend, dass er für das niedrige Gewölbe des Seitenschiffes des Doms eine schwebende Figur plane, »die ganz in sich geschlossen sei und das Höchste an Konzentration darstelle. Sie solle über den Alltag hinausführen in eine andere Welt.[2]«
Schliesslich habe ich - unabdingbar für eine adäquate Kontextualisierung des Gedichtes - den Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern zwei Photographien der Barlachschen Skulptur gezeigt, eine Detailaufnahme und eine Aufnahme, welche »Den Schwebenden« in seiner Umgebung, dem erwähnten Seitenschiff des Güstrower Domes, zeigt. Was bei der Skulptur sofort auffällt, ist tatsächlich ihre, von Barlach auch so intendierte, äussere Geschlossenheit und ihre Grossflächigkeit, zwei Charakteristika, die sich in vielen Figuren Barlachs nachweisen lassen wie z.B. »Das Grauen« aus dem Jahre 1923, »Der Asket« aus dem Jahre 1925 oder »Der Klosterschüler« aus dem Jahre 1930:
Die eingehende Analyse der beiden Photos ergab nach einer kurzen Diskussion folgendes Resultat: »Der Schwebende« wirkt mit seinen geschlossenen Augen, seinem unverkrampft geschlossenen Mund, seinen verschränkten Armen und seinen auf den Oberarmen liegenden Händen stark in sich gekehrt. Nichts dringt nach aussen, nirgendwo ein Zeichen der Zuwendung hin zum Betrachter, eine vollends in sich ruhende Figur, die sich jeder Kommunikation verweigert, ja den Betrachter möglicherweise noch nicht einmal wahrnimmt.
Der nächste Schritt führte wieder zurück zum Gedicht. In der ersten Strophe kommt die Fremdheit, die von der Skulptur Barlachs ausgeht, zum Ausdruck. Dies wird dadurch erreicht, dass lediglich gesagt wird, was der Schwebende nicht ist: weder das Vertraute und Alltägliche wie Vögel und Wolken, noch das Spirituell-Göttliche. Und doch steht oder besser schwebt hä, wie es in der zweiten Strophe heisst, von Beginn an über dem Betrachter. In der dritten Strophe wird »Der Schwebende« als beobachtender und wissender Chronist dargestellt, der weiss, was den Betrachter innerlich bewegt und was dieser in seiner Umgebung bewirkt und zwar in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Aber dieses Wissen erzeugt bei dem Schwebenden keine nach aussen sichtbare Reaktion, er ist unfähig zu weinen. Die Geschichte der Skulptur wird in dem Gedicht nicht thematisiert, auch eine zwischen den Zeilen zu lesende Anspielung darauf ist nicht zu erkennen.
Wenn der mit dieser Festschrift Geehrte meinen Beitrag überhaupt bis zu diesem Punkt gelesen hat, wird er möglicherweise einigermassen entsetzt sein und sich fragen, was eigentlich in mich gefahren sei. Mit empirischer Literaturwissenschaft hat das alles herzlich wenig zu tun. Eine Skizzierung der Problemstellung, die am Beginn einer solchen Untersuchung stehen müsste, findet sich nicht einmal in Andeutungen. So wird nicht deutlich, ob das Gedicht unter Gesichtspunkten der Textproduktion, der Textvermittlung oder der Textrezeption betrachtet werden soll. Zahlreiche Begriffe sind ungeklärt und für eine Operationalisierung in der oben präsentierten Form untauglich. Dies gilt zum Beispiel für den Begriff der Geschlossenheit unter dem man vielerlei - allerdings auch nicht Beliebiges - verstehen kann wie z.B. äussere Abgeschlossenheit bzw. figürliche Abgeschlossenheit oder Verschlossenheit, es gilt nicht weniger für Begriffe wie das Vertraute oder gar das Spirituell-Göttliche. Damit ist auch die Frage berechtigt, ob es sich bei dem beschriebenen Vorgehen - wenn schon nicht um empirische Literaturwissenschaft - überhaupt um Wissenschaft handelt. Trivialerweise hängt die Antwort auf diese Frage zwar vom jeweils vertretenen Wissenschaftsbegriff ab, meine Antwort auf diese Frage fällt jedoch wesentlich radikaler aus: Mit Bezug auf die oben geschilderte Seminarsitzung ist es mir egal, ob es sich bei dem, was als Ergebnis unserer Interpretationsbemühungen festzuhalten ist, um Wissenschaft handelt oder nicht, wenn denn einigermassen kontrolliert und nachvollziehbar argumentiert wird.
Habe ich also verantwortungslos gegenüber meinen Studenten gehandelt? Habe ich mit meinem Vorgehen die Prinzipien der Institution, in welcher ich tätig bin, einer wissenschaftlichen Hochschule also, aufs Gröbste verletzt, wenn ich beiläufig zugebe, es sei mir egal, ob meine Ausführungen das Prädikat Wissenschaft verdienen oder nicht? Ich meine nein, und damit wären wir bei Bill Clinton.
Nach seiner ersten Wahl im November 1992 wurde Bill Clinton am 20.01.1993 als 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt. Bekanntermassen ist die Verfassung der USA eine Präsidialverfassung, welche dem Präsidenten erhebliche politische und administrative Rechte einräumt. Wenn man weiter bedenkt, dass nach dem Kollaps der kommunistischen Regime Ost- und Mittelosteuropas bereits 1992 die USA die einzig verbliebene Weltmacht war, so wurde Clinton mit seiner Inauguration zum mächtigsten Mann der 90er Jahre.
Warum ist dieses Ereignis im hier zu diskutierenden Zusammenhang relevant? Bill Clinton und ich gehören ungefähr denselben Jahrgängen an - ja ich bin sogar noch ein wenig älter als der derzeitige Präsident der USA - , und dies bedeutet, dass diese Jahrgänge spätestens im letzten Jahrzehnt des 20. Jhd. weltweit in die Führungspositionen aufrücken. Was daher in den nächsten 10 bis 15 Jahren geschieht, liegt im wesentlichen in unserer Hand. Damit wächst uns eine Verantwortung zu, die wir in dieser Form zuvor nicht hatten, und einjeder sollte sich fragen - je nach der Position, die er im gesellschaftlichen Gefüge einnimmt -, welche Art von Verantwortung dies in seinem Falle sein könnte.
Für einen Universitätslehrer der Kulturwissenschaften im weitesten Sinne liegt diese Verantwortung nicht zuletzt in der Vermittlung von Tradition oder zumindest doch im Offenhalten von Tradition. Denn wenn wir bestimmte Wissensbestände nicht an die folgende Generation weitergeben und damit am Leben erhalten, wer sollte es dann tun? Dies wirft allerdings zunächst die Frage auf, um welche Traditionsbestände es sich in dem oben geschilderten Beispiel handelt. Es geht nicht um Wissenschaftsgeschichte, da wäre ein anderes Vorgehen erforderlich gewesen, es geht um nichts weniger als um Wissensbestände aus der Überlieferung der bildenden Kunst und der Belletristik. Bekanntlich geht es bei diesem Wissen um zumindest zweierlei: um eine Orientierung im historischen Raum und um ein Offenhalten von Alternativen.
Was den ersten Gesichtspunkt betrifft, so liefern Barlachs »Der Schwebende« und der Güstrower Dom ein einschlägiges Beispiel. Der Güstrower Dom, mit dessen Bau im Jahre 1226 begonnen wurde, ist bau- und stilgeschichtlich der norddeutschen Backsteingotik zuzuordnen, Ernst Barlachs Skulpturen, deutlich geprägt von Eindrücken einer Russlandreise im Jahre 1906 und kunsthistorisch nicht leicht einzuordnen, sind aufgrund ihrer charakteristischen Stilprinzipien, ihrer geschlossenen äusseren Form und ihrer vom Detail abstrahierenden Grossflächigkeit, eindeutig ein Werk aus dem ersten Drittel des 20. Jhd. Die Wirkung des »Schwebenden«, so wie die Skulptur im Güstrower Dom plaziert ist, resultiert nicht zuletzt aus dieser Spannung von sieben Jahrhunderten. Das Erfahren dieser Spannung bedarf, so denke ich, eines Mindestmasses an bau- und kunsthistorischer Kenntnis. Ein Erlebnis dieser Art ist aber immer auch ein Stück Selbstorientierung: an Artefakten aus der Vergangenheit der Gesellschaft, aus der man selbst hervorgegangen ist, und an einer durch die Vergangenheit begrenzt offenen Zeitlichkeit, die den Abstand zu diesen Artefakten signalisiert. Die Relevanz einer solchen Orientierung wird - zumindest für einen Europäer - dort manifest, wo sie nur eingeschränkt möglich ist. Auf einer längeren Reise durch das australische Queensland besuchte ich vor Jahren zusammen mit meiner Frau das Museum in Cairns, weit im tropischen Norden des Bundesstaates gelegen. Das älteste Exponat, durch welches dort die Kultur der europäischen Einwanderer dokumentiert wurde, war eine Singer Nähmaschine, wie ich sie aus dem Haushalt meiner Grosseltern kannte. Es ist evident, dass ein solches Exponat zwar ebenfalls zu einer Selbstorientierung im o.g. Sinne führen kann, nicht weniger evident ist es, dass es sich dabei um eine vergleichsweise enge Selbstorientierung handelt.
Der andere Gesichtspunkt, das Offenhalten von Alternativen, bedürfte einer ausführlichen Diskussion und kann hier kaum mehr als erwähnt werden. Mit Hinblick auf Barlachs »Schwebenden« sind hier wenigstens zwei Gesichtspunkte relevant: die Skulptur als Alternative in der Zeit ihrer Entstehung und vor allem im Jahrzehnt danach und die Skulptur - und Barlachs bildhauerisches Werk insgesamt - als Alternative aus der Sicht des heutigen Betrachters. Unter dem erstgenannten Gesichtspunkt bietet sich ein Vergleich mit dem Werk des von den Nationalsozialisten geförderten Bildhauers Arno Breker an. Breker schuf bekanntlich eine Reihe von brutalen Monumentalskulpturen, die sich in der Darstellung des von den Nazis propagierten ›Herrenmenschen germanischen Blutes‹ erschöpften. Ganz anders dagegen Barlach, dessen Skulpturen alles andere als Herrenmenschen darstellen und in denen statt eines heroischen Pathos menschliches Leid, Angst, verweilende Konzentration, aber auch Freude zum Ausdruck gelangen. Vor dem Hintergrund des beginnenden 21. Jhd. bietet Barlachs bildhauerisches Werk - und somit auch »Der Schwebende« - eine andere Art von Alternative: inmitten unserer verlärmten, auf kurzfristige Effizienz ausgerichteten und rundum sich verbörsenden Welt mahnen Barlachs Skulpturen zum Innehalten, zur Langsamkeit und zur konzentrierten Auseinandersetzung mit einem einmal gewählten Gegenstand. Eine ähnliche Alternative bietet, wie ich meine, das zitierte Gedicht von Erna Taege-Röhnisch: ausgehend von Barlachs »Schwebenden« lädt es ein zu konzentrierter Lektüre, zum Wiederlesen und zur Reflexion auf den Lesenden selbst.
Aufgrund der meiner Generation zugewachsenen Verantwortung, Traditionen und Alternativen offenzuhalten, historische Orientierung weiterhin zu ermöglichen, darf es mich als Universitätslehrer nicht gleichgültig lassen, wenn meine Studenten mit dem Namen Ernst Barlach nichts verbinden, seine Werke nicht kennen und mit einem - wie ich finde, gelungenen - Gedicht einer niederdeutsch schreibenden Autorin zu Barlachs »Der Schwebende« wenig anzufangen wissen. Wenn nun Traditionsvermittlung im hier skizzierten Sinne das Ziel ist, so kommt es zunächst einmal darauf an, bei den Studierenden ein lebendiges Interesse an den zur Diskussion stehenden Gegenständen zu wecken. Dieses Ziel erlaubt es, von den Pfaden einer streng verstandenen Wissenschaftlichkeit hin und wieder abzuweichen, Persönliches einzustreuen und nicht hinreichend definierte Begriffe zu verwenden, ohne dabei allerdings die Normen eines kontrollierten und nachvollziehbaren Diskurses vollständig zu verlassen. Auratische Selbststilisierungen, wie sie mit rückläufiger Tendenz bis heute anzutreffen sind, oftmals lediglich raunender Ausdruck des Bedauerns darüber, nicht selbst der Dichter gewesen zu sein, sind allerdings auch in diesem Zusammenhang zu vermeiden und laufen dem Ziel zuwider, Traditionen in einem demokratischen Gemeinwesen - auch wenn die Erfahrung oft dagegenspricht, idealiter eine Diskursgemeinschaft mit gleichberechtigten Teilnehmern - zu vermitteln oder wenigstens doch offenzuhalten.
Die empirirische Literaturwissenschaft, soweit ich sie kenne, und eine entsprechend modellierte empirische Kulturwissenschaft können die Notwendigkeit, Tradition offenzuhalten, weder begründen noch vermögen sie nennenswert zur Vermittlung von Tradition im o.g. Sinne beizutragen. Ihre Aufgaben sind anderer Natur, und da sich die Kulturwissenschaften ihrerseits nicht auf die Aufgabe der Traditionsvermittlung beschränken dürfen, haben sie ihren berechtigten Platz im Ensemble kulturwissenschaftlicher Aktivitäten. Doch bevor ich diesen Punkt weiter vertiefe, soll Olaf Henkel zu seinem Recht kommen.
Meine Behauptung ist, dass Olaf Henkel, derzeitiger oberster Repräsentant des »Bundesverbandes der deutschen Industrie« (BdI), mit der Nähmaschine in Cairns nur wenig, mit dem Dom zu Güstrow, Ernst Barlach und Erna Taege-Röhnisch fast gar nichts und mit Bill Clinton ein wenig mehr als mit der Nähmaschine zu tun hat.
Olaf Henkel ist ein Fundamentalist und liegt mit seinen radikalen Ansichten voll im gegenwärtigen Trend. Ein Fundamentalist ist jemand, der lediglich eine Grundidee verfolgt und diese in allen Bereichen der Gesellschaft realisiert wissen möchte. In komplexen Gesellschaften speisen sich solche Ideen meist aus den vorschnell übergeneralisierten Erfahrungen und Interessen eines Teilsystems. Ein Fundamentalist in diesem Sinne war z.B. der Ayatolla Khomeini, der eine gesamte Gesellschaft nach dem Teilsystem Religion auszurichten versuchte, mit fatalen Folgen für die Bereiche der Ökonomie, der Justiz, der Bildung, des Kulturbetriebes u.a.m., wie bereits vor seiner Machtübernahme unschwer vorherzusehen war. Ein Fundamentalist war bei aller kleinbürgerlichen Spießigkeit auch Erich Honecker, der die gesamte Gesellschaft nach einem Parteiprogramm und dem Teilsystem Politik zu formen sich bemühte, mit fatalen Folgen, wie wir wissen, für die Ökonomie, aber auch für andere soziale Teilsysteme. Nicht weniger zerstörerisch wäre es z.B., wollte man alle gesellschaftlichen Teilsysteme nach dem Teilsystem Wissenschaft oder Kunst modellieren. Fundamentalisten sind Gegner der Aufklärung, sie mystifizieren ihre eigenen Ansichten, die sie als unverrückbare ewige Wahrheiten ausgeben, und entziehen sich jedem kritischen Diskurs. Allein die Frage, wessen es denn bedürfe, damit sie ihre Ansichten aufgäben oder doch wenigstens modifizierten, dürfte bei ihnen ungläubiges Staunen hervorrufen - frei nach dem Motto von Erich, dem Behüteten: Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf, wobei wir heute wissen, dass bereits eine schlecht vorbereitete Pressekonferenz den Niedergang des Sozialismus beschleunigen konnte. Und schliesslich, um meinen Ausführungen ein wenig Lokalkolorit zu verleihen, zwei Fundis, die in einer weniger komplex strukturierten Gesellschaft in voraufklärerischer Zeit ihr Unwesen trieben: Johann Beuckels von Leyden, genannt Jan Bockelson, und Bernhard Knipperdolling, radikale Wiedertäufer, die in den Jahren 1534/35 in der Stadt Münster ein zerstörerisches Schreckensregime errichteten. Nun, Jan Bockelson und Bernhard Knipperdolling wurden 1536 hingerichtet, Erich Honecker starb im Jahre 1995 im chilenischen Exil eines natürlichen Todes, die Klerikalfaschisten beherrschen den Iran nach wie vor, doch der Iran ist weit weg trotz Globalisierung, befassen wir uns also mit Olaf Henkel und dem gegenwärtigen Trend.
Henkel und seine Glaubensbrüder und -schwestern sind Marktradikale.[3] Als solche sind sie Anhänger des betriebswirtschaftlichen Modells, das sie auf ausserökonomische Teilsysteme der Gesellschaft zu übertragen versuchen. Betroffen von dieser Kampagne ist bereits der gesamte Bereich der Bildung, vor allem aber das Politiksystem - und die Frage, wer uns heute eigentlich regiert, die demokratisch gewählten Volksvertreter oder die nur in ihren Verbänden demokratisch legitimierten Vertreter der Wirtschaft, ist so unberechtigt nicht. Die Marktradikalen haben es verstanden, die Definitionsmacht über zentrale Begriffe des öffentlichen Diskurses zu erlangen. Dazu gehört z.B. der positiv besetzte Begriff der Modernisierung. Jede Entwicklung, die eine Anpassung an das betriebswirtschaftliche Modell erkennen lässt, ist Ausdruck der Modernisierung und folgt - wie sie uns glauben machen wollen - dem unentrinnbaren Trend, dem sich alle Teilsysteme der Gesellschaft früher oder später anzupassen haben. Wer auch nur die leisesten Zweifel anmeldet, gilt als Traditionalist, als ewig Gestriger, als Zeitgenosse mit einem falschen Bewußtsein, als jemand, der die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt hat. Traditionalisten sind nach diesem Verständnis z.B. Umweltschützer, Sozialpolitiker, aber auch Intellektuelle, die wie z.B. Günter Grass, aber auch Oskar Lafontaine unsere demokratisch verfasste Gesellschaft durch den Machtzuwachs der Marktradikalen in ihren Fundamenten gefährdet sehen. Und - wen erstaunt es? - auch der Verfasser dieses Beitrages ist ein Traditionalist, ein absolut hoffnungsloser Fall.
Welchen Stellenwert haben die oben angestellten Überlegungen zum Offenhalten kultureller Traditionen bzw. zur Weitergabe tradioneller Wissensbestände kultureller Überlieferungen im Weltbild des Marktradikalismus? - Konsequenterweise keinen oder keinen nennenswerten. Zur Beantwortung der Frage, warum das so ist, muss ich noch einmal weiter ausholen und mich mit zwei Konzepten, wenn schon nicht exhaustiv, so doch in einer groben Problemskizze auseinandersetzen, nämlich dem Wissenskonzept und - wie altmodisch - dem Bildungskonzept.
Ganz dem herrschenden Trend entsprechend wird der Begriff des Wissens zunehmend auf eine rein utilitaristische Interpretation verengt. Von Wert ist vor allem das Wissen, das mir hilft, ökonomisch zu bestehen, und/oder das sich zum wirtschaftlichen Wohl eines Betriebes anwenden und verwerten lässt - und die Relevanz dieses Wissens soll hier nicht bestritten werden. Alles Wissen jedoch, das diesen Nachweis nicht erbringt, fällt der Entrümpelung anheim. Wenn man diesen Gedanken konsequent weiter verfolgt, müsste man daher die kulturwissenschaftlichen Studiengänge in einem ersten Schritt von ihren tradierten Bildungsinhalten befreien und angesichts der neuen Medienlandschaft - und dies hiesse letztendlich unter dem Diktat der Einschaltquoten - neu bewerten. Ernst Barlach hätte da wohl kaum eine Chance, Erna Taege-Röhnisch erst recht nicht, Goethe im abgelaufenen Goethejahr 1999 durchaus, mit Beginn des Jahres 2000 wohl weniger, Erich Kästner bestenfalls von Januar bis März 1999, mit einiger Sicherheit am 23. Februar, danach wohl kaum mehr, Jean Sibelius - vielleicht - frühestens im Jahre 2007 anlässlich seines 50. Todestages etc. Mit anderen Worten: Diese überlieferten Bildungsinhalte liessen sich verschieben auf den Freizeitmarkt und müssten lediglich leicht konsumierbar aufbereitet werden. Sie reduzierten sich auf Mittel zur Rekreation, dienten zuvorderst der mentalen Stärkung, um so das nächste Börsengeschäft erfolgreich abzuschliessen, und träten damit in Konkurrenz zum Freizeitsport, zum mentalen Training für Manager u.ä.m. Ich will gern zugeben, dass dieses Szenario ein wenig übertrieben ist, aber das administrative Bemühen, die Universitäten in Einklang mit der herrschenden Marktideologie zu reinen Ausbildungsstätten zu reduzieren, gibt zu derartigen Befürchtungen genügend Anlass. Damit will ich den Ausbildungsauftrag der Universitäten keineswegs in Frage stellen, ich bin jedoch Traditionalist genug, weiterhin dafür zu plädieren, dass die Universitäten neben einem Ausbildungsauftrag, auch einem Forschungsauftrag und - hier müssten sich den exponiertesten Marktradikalen die Nackenhaare sträuben - einem Bildungsauftrag nachzukommen haben.
Wenn ich mich weiterhin für den Bildungsauftrag der Universitäten einsetze, so bedeutet dies nicht, dass ich den überkommenen spießigen Bildungsbegriff favorisiere, der die Bildungsinhalte auf Artefakte der bildenden Kunst, der Musik, der Belletristik und bestenfalls noch der Baukunst beschränkt. Die Grundbegriffe der Thermodynamik sollten einem durchaus vertraut sein, ebenso die Basisannahmen der Newtonschen Physik wie auch der Relativitätstheorie, man sollte wissen, dass die Kornweihe ein Greifvogel ist und kein Ritual im Rahmen des Erntedankfestes und selbstverständlich sollte man auch mit den Namen Adam Smith und John Maynard Keynes etwas verbinden können.
Man hat der empirischen Literaturwissenschaft mitunter vorgeworfen, sie stelle Wissen bereit, das vor allem einer allein auf Profit ausgerichteten Kulturindustrie nütze. Dieser Vorwurf ist insofern nicht ganz gerecht, als keine wissenschaftliche Disziplin oder wissenschaftliche Richtung gegen Missbrauch immun ist. Dies gilt für eine sich in erster Linie hermeneutisch verstehende Literaturwissenschaft, aus deren Kreis sich zahlreiche Vertreter in der Vergangenheit nur allzu gern jeweils herrschenden Ideologien und Diktaturen andienten, dies gilt für die Physik, die Chemie, die Medizin, die Sprachwissenschaft, die Ethnologie u.v.a.m. Gegen Missbrauch dieser Art helfen allein Grundeinstellungen und Tugenden, die aus den einzelnen Disziplinen selbst nicht unmittelbar abzuleiten sind. Dazu zählt die Einsicht, dass man sich stets auch im Grundsätzlichen, nicht lediglich im Detail irren kann, dazu zählt ein Mindestmaß an Bescheidenheit, das sich angesichts der Grenzen unserer Erkenntnis und Erkenntnismöglichkeiten bei jedem einstellen müsste, der lang genug im Geschäft ist, dazu zählt nicht zuletzt der Mut, gegen den Strom zu schwimmen und Unpopuläres nicht nur im kleinen Kreise sondern auch in der Öffentlichkeit zu äußern. Der mögliche Missbrauch ist also nicht der Punkt und zielt am Kern der Sache vorbei.
Die empirische Literaturwissenschaft elizitiert Daten zu dem Teil des Kulturbetriebes, der in der einen oder anderen Form mit Belletristik zu tun hat. Sie ist nicht Teil dieses Systems selbst, greift idealiter in die darin ablaufenden Prozesse nicht ein und vermittelt uns einen zuverlässigen Einblick in Art und Funktionsweise dieses Systems. Auf der Basis der von ihr erarbeiteten Erkenntnisse vermag sie sogar Argumente zu stützen, die dafür sprechen, dass eine Gesellschaft wie die unsere eines solchen sozialen Teilsystems bedarf. Zum Erhalt bzw. zur Reproduktion dieses Systems trägt sie nichts bei. Sie analysiert in diesem System ablaufende Prozesse ex post und vermag, will sie ihrer eigenen Grundkonzeption treu bleiben, solche Prozesse weder zu initiieren noch zu steuern oder zu modifizieren. Vor dem sprachlichen Kunstwerk selbst muss sie verstummen, ihre Arbeit beginnt erst, wenn dieses rezipiert und verarbeitet wird.
Die in dem Literatursystem ablaufenden Prozesse haben als wissenschaftliche Objekte unbezweifelbar ihre eigene Dignität. Das hauptsächliche Verdienst der empirischen Literaturwissenschaft liegt darin, diese mit sozialwissenschaftlich bewährten Methoden zu erforschen und durch falsifizierbare Hypothesen zur gesicherten Wissenserweiterung beizutragen. Eines ideologischen Überbaus, wie er in meinen Augen der radikale Konstruktivismus darstellt, der - zuende gedacht - auf einen nicht minder radikalen Solipsismus hinausläuft, bedarf die empirische Literaturwissenschaft zur Erfüllung dieser Aufgabe allerdings nicht, ja, ideologische Petrifizierungen dieser Art vermögen die empirische Arbeit nur wenig zu befördern und wirken sich vor allem dann hinderlich aus, wenn die Rückkopplung mit der empirischen Basis nicht mehr funktioniert.
Wenn die Universität einen Bildungsauftrag hat, dann muss sie auch für die Reproduktion des Literatursystems Sorge tragen. Dies gilt vor allem mit Hinblick auf die Belletristik vergangener Epochen, die ohne Traditionsvermittlung aus dem - prinzipiell allerdings offenen - Kanon kollektiven Wissens herausfallen. Dieses Problem wird angesichts der zunehmenden Individualisierung von Wissen immer virulenter, und eine wichtige Aufgabe aller traditionsvermittelnden Disziplinen wird darin bestehen, eine Balance zwischen individuellem und kollektivem Wissen herzustellen. Es wäre vermessen, wollte ich behaupten, ich könne einen Weg vorschlagen, der dieses Problem auch nur in Ansätzen löst. Eines allerdings ist sicher: es muss neben einer empirischen Literaturwissenschaft eine anders ausgerichtete Literaturwissenschaft geben, welche die Vermittlung oder doch zumindest das Offenhalten von Tradition zu ihrer zentralen Aufgabe macht. Ob deren Vorgehensweise nun auf der Basis hermeneutischer oder anders gearteter wissenschaftstheoretischer Überlegungen zu beschreiben ist, bleibt angesichts der zu bewältigenden Aufgaben zweitrangig.
Aus heutiger Sicht - und aus der Perspektive eines Wissenschaftlers, der Literaturwissenschaft zumindest in der Forschung heute nur noch am Rande betreibt - muten die alten Konflikte zwischen einer sich hermeneutisch verstehenden Literaturwissenschaft und einer neuen, sich entfaltenden empirischen Literaturwissenschaft eher bizarr an. Die durch die Marktradikalen entfesselte verbale Hexenjagd auf Andersdenkende, die Reduzierung alter Kulturräume auf ihre Funktion als Wirtschaftsstandort, die kurzsichtige Utilitarisierung von Wissen, das unreflektierte Modernisierungsgerede, das globalisierte Roulette der Börsenspekulanten und was der Scheußlichkeiten mehr sind, all dies droht die lebensnotwendigen Ressourcen, die uns die kulturelle Überlieferung bietet, zu verstopfen. Wenn wir dies nicht erkennen, wenn wir uns der Verantwortung gegenüber der kulturhistorischen Tradition und gegenüber der zukünftigen Entwicklung unserer sich globalisierenden Gesellschaft nicht stellen, wenn wir die in dieser Tradition auffindbaren Alternativen nicht offenhalten, uns vermeintlichen Trends ungefragt anpassen und alles den selbsternannten Modernisierern überlassen, gibt es für die Literaturwissenschaft, ob nun hermeneutisch, empirisch oder sonstwie, bald kaum mehr etwas zu lehren und fast nichts mehr zu erforschen.
Vullendiget to Waldenbrug des Sundages
na Sunte Barbaras dach na Godes bord
dusent jar negenhundert jar negentych jar darna
in den negenden jare (A.D. MCMXCIX)
1Bellmann, Johann D.(Hg)21993: Keen Tiet för den Maand. Rostock: Hinstorff. 91. - Noch eine An-merkung zur Übersetzung des zweiten Verses von Strophe 2: In der elliptischen Satzkonstruktion der Strophe 2 kann der zweite Vers sowohl als Subjektsatz angesehen werden, womit er dann in syntaktischer Parallelität zu Vogel und Wulk stünde, als auch als Attributsatz zu Wulk. Dies liegt daran, dass im Niederdeutschen wat - ganz wie de/dat - als Relativpronomen fungieren kann.
Da alle Siedlungsmundarten des Niederdeutschen, zu welchen auch das Mecklenburg-Vorpommersche gehört, den Indikativ Präsens Pluralis auf den Einheitsplural en/n und nicht wie die Altlandmundarten auch et/t bilden, kann sich der zweite Vers der zweiten Strophe nur auf Wulk beziehen. Da ich die erste Interpretation für wahrscheinlicher halte, habe ich in der Übersetzung das Relativpronomen in eckige Klammern gesetzt.
2 Helwig, Christoph o.J.: Der Schwebende Güstrower Dom. o.O.:o.V.1.
3 Dass es sich hier - ähnlich wie bei dem marxistischen Irrglauben an das gesetzmäßige Herannahen einer klassenlosen Gesellschaft - um eine diesseitige Religion handelt, meint im übrigen auch der britische Historiker Eric J. Hobsbawn, wenn er vom »Irrsinn des theologischen Glaubens an den uneingeschränkt freien Markt« spricht (Frankfurter Rundschau, 04.12.1999).