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Bernd Scheffer |
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Ich komme zur vierten und letzten Überlegung: Wir müssen Lesbarkeit und Unverständlichkeit, wir müssen Lesbarkeit und Unlesbarkeit zusammenbringen. – Kann von »Lesbarkeit« auch dann noch die Rede sein, wenn sich in den ungeheuer beschleunigten Bildern und Schriften die lese-unkundige Rezeption, die Rezeption des Analphabeten nicht mehr von der alphabetischen Rezeption unterscheidet? Doch ist dies überhaupt möglich, kann Schrift tatsächlich Lesbarkeit »restlos« verlassen und zum »puren« Bild werden? Dem immerhin plazierbaren Vorwurf, Video- und Computerkunst würden die Schrift maßlos verbildlichen, es gehe nicht um mehr in erster Linie um Lesbarkeit, sondern vor allem um Ornament, auch ein solcher, immerhin denkbarer Einwand läßt sich noch widerlegen. Gibt es wirklich das »weiße Rauschen« der Schrift und vor allem der Bilder, mit dessen Beschwörung Hans Magnus Enzensberger erfolgreich als Medienexperte kandidiert (in dem »Spiegel«-Essay über das Fernsehen als »Nullmedium«, entgegen alle Einsicht, daß Menschen nicht »Zeichen pur» wahrnehmen können)? Immerhin ist es ein ganz zentrales Qualitätsmerkmal der avancierten Kunst im 20. Jahrhundert (sei es nun Bildende Kunst, Literatur oder Musik), daß sie Inhalte, Botschaften, Bedeutungen drastisch reduziert, minimalisiert, also übliche Verstehbarkeit, übliche Lesbarkeit absichtsvoll erschwert oder weitgehend (freilich niemals restlos) verhindert. Erst damit kann die grafische Seite von Schrift und Bild, kann die Materialität der Zeichen zum Vorschein kommen, erst im »gestörten« Gebrauch, erst dann, wenn die Formen im reibungslosen Gebrauch der Inhalte nicht übersehen werden. Erst in der direkten Konfrontation von Bild und Schrift sind beide in der Lage, das jeweils mit ihnen Präsentierte zugunsten der Form zurücktreten zu lassen. Lesbarkeit ist also vorzugsweise dann interessant, wenn etwas nicht restlos verstanden werden kann, wenn prominente Reste des Nicht-Verstehens erhalten bleiben. Die Steigerungsmöglichkeiten, die die Kunst im 20. Jahrhundert erzielte, beruhen ja hauptsächlich auf einer sich praktisch vollziehenden Formreflexion, beruhen auf fast (aber eben nur fast) reinen Struktur-»Mitteilungen« und entsprechend weniger auf Versuchen, unmittelbar das herkömmliche Themenrepertoire zu erweitern. Wer beschwert sich denn noch über die desemantisierenden Texte bei Kafka, Joyce, Beckett? Wer fragt noch, was Mark Rothkos blau oder rot »rauschende« Bilder bedeuten? Wer empfindet die »Empty Words«, die stille Musik von John Cage als Mangel im Ausdruck? Bei Henri Michaux oder Carlfriedrich Claus, geht es in äußerst eindrucksvoller Anstrengung um eine »Schrift, von keinerlei Sprache ohne Zugehörigkeit, ohne Verkettung – Linien, nichts als Linien» (Michaux 1984, 58). Wenn also Video- und Computerkunst, wenn sogar Musikvideos und Werbespots etwa durch die rapide Beschleunigung und die sekundenschnellen Schnitte der Bilder, der Schriften und der Töne alles fast nur noch »rauschen« lassen, liegen sie jedenfalls damit eher im Programm einer anspruchsvollen, experimentellen Kunst und entsprechend weniger im Verdacht von Gefälligkeiten. Die elektronischen Bewegungen von Schrift planieren nicht alle, allerdings doch viele herkömmliche Zeit- und Raum-Unterschiede. Man scheitert bereits (und wie wir finden: produktiv) mit allen Versuchen, noch angeben zu wollen, was bei diesen bewegten Schriftbildern denn nun Vordergrund und was Hintergrund ist; auch das Spiel um Vorher und Nachher wird einigermaßen aussichtslos in den planmäßig eingebauten Wiederholungsschleifen. Zeit und Bewegung werden jedenfalls verstärkt spürbar – als vorgegebener Ablauf, als Beschleunigung, als Animation. Auch die Schriften und Bilder der Städte erscheinen im eiligen Vorüberziehen als fragmentiert; dem entspricht die urbane Kunst der neuen Medien. In der von vornherein intendierten Flüchtigkeit entstehen in der Tat »Lückentexte», aber hier können die einzelnen Elemente jetzt auch immer in neue und offene Beziehungen zu einander treten. Von hier aus sind spielerische Neukonstruktionen möglich, und Lesen ist nun kein reglementiertes Nachbuchstabieren mehr, sondern eine Rekonstruktion und Dekonstruktion der vielfältigen Bilder und Schriften, die uns allseits umgehen. Dabei geht es nicht um einen Nachstellen sog. Primär-Wahrnehmung, nicht um die Wahrnehmung von Außenwelt, sondern Zeichen beziehen sich zitathaft auf Zeichen. »Zeichen und Bilder beziehen sich auf Zeichen und Bilder und gewinnen eine medienreale Autonomie« (Großklaus 1995, 108). Die Praxis der Video- und Computerkunst, aber auch die tagtäglichen Musikvideos und Werbespots lassen zweifeln an unserer autoritätsgläubigen strikten Unterscheidungen, an diesen Metaphern von »oben« und »unten«, von »hoher« und »niedriger« Mediennutzung, von »Oberfläche« und »Tiefe«, von »Innen« und »Außen«, von »Zentrum« und »Peripherie«, von »fiktiv« und »real«, von »natürlich« und »künstlich«, von »organisch« und »mechanisch« etc. Abweichend von den gängigen Befürchtungen gibt es indessen dabei nicht nur Kritik-Verluste, sondern auch Unterscheidungs-Gewinne, auch Kritik-Zuwachs. Gerade dann, wenn man den ästhetischen Implikationen der Werbespots und Musikvideos nachgeht, werden sie dechiffrierbar und damit auch kritisierbar - nicht weniger als andere »Kunst«. Und wer sich einläßt, wird es auch bemerken: Selbstreflexivität und Kritik sind bei den neuen Medien durchaus gebräuchlich, ja alltäglich, nur sind sie eben nicht mehr unbedingt »erhaben« sondern manchmal auch salopp: T-Shirts wehren sich gegen die »Schrift-Überflutung« der T-Shirts: »I don’t want to read your t-shirt!« Jedes Medium hat seine Engel und Teufel, seine Opfer und seine Geretteten. Wer eine neue »Bildersintflut« erkannt haben will, sollte auch die vielfältigen Zusammenhänge von »Schrift und Gewalt«, die zuweilen durchaus mörderische Kehrseite der Schrift bedenken. Zwar klärte und klärt Schrift manche Finsternis auf, aber nicht nur die Bilder sind trügerisch oder gar bösartig manipulierbar, sondern auch das, was geschrieben steht, ist ja nicht nur als Wahrheit auf ewig eingeritzt, kann nicht nur schwarz auf weiß nach Hause getragen werden, sondern steht auch seit jeher im Verdacht, zu lügen wie gedruckt. Hinsichtlich von »Wahrheit und Lüge« rangieren Schrift und Bild (wie allen Medien) zunächst auf gleicher Ebene. Gerade die Beschreibung von neuer Kunst verlangt seit jeher eine Art von halluzinatorischem Blick, wohingegen eine Perspektive, die ausschließlich die vertrauten Linien des eigenen historischen Bewußtseins gleichsam nach vorne verlängert, einen grundlegenden kulturellen und medialen Wandel kaum bemerken wird oder allzu rasch einschätzt und erledigt. Ein offener, nach Möglichkeit erfinderischer Blick könnte zeigen, daß erst die neuen Medien eine bessere, um nicht zu sagen: gerechtere Einschätzung auch der älteren Medien erlauben: Die neuen Medien lehren so gesehen auch die Eigenschaften der alten Medien, die bislang nicht oder kaum zum Vorschein kommen konnten. So verdeutlichen jetzt die elektronischen Medien die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen der Druckerzeugnisse. Alles spricht dafür, daß die Lesbarkeit der Welt stärker denn je bewußt wird – jetzt wo wir aufgehört haben zu glauben, es gebe ein von unserem Zutun unabhängig vorhandenes Buch der Welt, das wir nur aufschlagen müssen und das wir richtig entziffern könnten, wenn wir anerkannte, gegenstands-adäquate vernünftige Techniken der Lesbarkeit nur ausreichend verfeinerten. Wenn wir indessen akzeptieren, daß Wahrnehmung Gegenstände erst hervorbringt, daß das das Bewußtsein gleichsam zwischen Hervorbringung und Lesen oszilliert, dann ergibt sich auch die Gewinn-Rechnung: Lesbarkeit wird stärker denn je angeboten, ist stärker denn je verbreitet ist, stärker denn je wird die explizite, die ja reflektierbare Fähigkeit verlangt. Lesbarkeit breitet sich nur quantitativ, sondern auch qualitativ aus, faszinierend und vorerst willkommen. Wir werden nicht aufhören mit der paradoxen Tätigkeit, die Welt zu entziffern. Erweitertes Spielmaterial hätten wir: die neuen Medien, dort wo sie wirklich intelligent und kreativ sind. Das ist oft genug der Fall. Unsere Überlegungen zur Lesbarkeit lassen sich einfügen in die gegenwärtigen Diskussionen um die Visualisierung des Wissens, um eine visuelle Kultur. Noch fehlen Theorien, aber gerade auch praktische Erfahrungen des multi-medialen Zeichengebrauchs. Es fehlt ein umfassendes holistisches, also gleichsam ganzheitliches Konzept der neuen Seh-, Sprech-, Schreib- Hör- und Denkweisen. Die neuen Medien-Entwicklungen werden sich dabei nur dann verstehen lassen, wenn wir uns auch das »Unvorstellbare« erarbeiten. |
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