Bernd Scheffer
Zur neuen Lesbarkeit der Welt:
Es fängt jetzt überhaupt erst richtig an.

Abschnitt 3

   
             
 
    Essays    
   

Der dritte Baustein, die dritte Überlegung dafür, daß ich hier eher eine Gewinn-Rechnung der Lesbarkeit aufmachen kann, betrifft jetzt weniger die Notwendigkeit, aber immerhin die aufschlußreiche Möglichkeit, Lesbarkeit drastisch zu erweitern – im Hinblick auf die Lesbarkeit von Welt.

Hans Blumenberg ist in seinem berühmten Buch Die Lesbarkeit der Welt ja nicht an der offenkundigen Lesbarkeit von Texten interessiert, sondern vorzugsweise an der Lesbarkeit all dessen, was gerade nicht Text im engeren Sinne ist. Blumenberg ist interessiert an der restlichen Welt, an dem Welt-Teil, der unendlich viel größer ist als die unmittelbar als Text präsente Welt. Das Buch der Welt interessiert ihn als taugliche Metapher.

Bilder, zumal die kulturgeschichtlich bedeutsamen Bilder, sind lesbar. Jede Museumsführung stellt dies bis zur Karikatur unter Beweis. Handschriften sind lesbar, ohne daß wir die Sprache kennen müssen, derer sie sich bedienen, ohne daß wir sie buchstäblich entziffern müssen. Musik ist lesbar, nicht nur in Gestalt der Partituren. Der Funkverkehr bedient sich, obwohl rein akustisch, der Lesbarkeits-Metapher: Es heißt nicht: "Ich höre Sie gut", sondern "I can read you". "Ich lese Dich laut und klar", sagt in seinem LKW der CB-Funker, schamlos alle Tendenzen des eigenen Analphabetismus ignorierend.

Fast ohne Ende ließen sich Zitate anführen, die die Lesbarkeit der Städte hervorheben – von Siegfried Kracauer, Franz Hessel, Karlheinz Stierle, Norbert Bolz, bis hin zu Schuldt oder dem Roman "Velo" (1999) von Jens Uwe Albig. "Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße, wobei Menschengesichter, Schaufenster, Café-Terrassen, Bahnen, Autos, Bäume zu lauter gleichberechtigten Buchstaben werden, die zusammen Worte, Sätze und Seiten eines immer neuen Buches ergeben." (Hessel 1929, 145) – "Wir leben zwischen Zeichen, und Umwelten sind lesbar wie Texte." (Bolz o. J.)

Wir lesen nicht nur in Gesichtern und Körpern. Wer Lachfältchen ausdrucken kann, ist fein raus. Wir lesen mittlerweile auch genetische Codes. Ärzte lesen seit eh und je Symptome, und ihre zum Teil haarsträubenden Interpretationen reichen, je älter man wird, für mindestens drei Partygespräche aus. Wir lesen Spuren: Fußspuren, Huf-Abdrücke, gebrochene Äste, Dauer und Alter von Feuerstellen. – Wir lesen Fingerabdrücke. Nicht nur Sherlock Holmes kann jedes Haar in der Suppe in ein unmißverständlich lesbares, quasi schriftliches Geständnis verwandeln. Fräulein Smillas Gespür für Schnee und hoffentlich das der Bergführer und Lawinenexperten. Vogelgeschrei und Vogelflug, Wolkenbewegungen, Stern-Konstellationen, Kaffeesatz und Kartenlesen, Handlinien, Exkremente; Stäbe, die zufällig zu Boden fallen: Buchstaben also. Alles also? Fast alles.

Setzen wir uns mit dem folgenden, ja durchaus denkbaren Einwand auseinander: Wenn Lesbarkeit die ganze Welt betreffen soll, dann betrifft Lesbarkeit eben auch alles. Wenn aber Lesbarkeit alles betrifft, wenn alles lesbar ist, dann ist nichts lesbar, dann gibt es keinen entleerteren Begriff als diesen. In der Tat treiben wir hier Lesbarkeit mit voller Absicht in Richtung auf die äußerste Ausdehnung vor, wir sagen dennoch nicht umstandslos, daß alles, aber auch alles sich uns als lesbar anbietet.

Die Begründung dafür, Lesbarkeit äußerst auszuweiten, kommt aus einer anderen Richtung: Nicht zuletzt die Systemtheorie hat gezeigt, daß Bewußtseinstätigkeit gar nichts anderes machen kann, als Sinn zu produzieren, und weil unvermeidliche Sinnproduktion gerade nicht an irgendwelche vorgegebenen, tatsächlichen, objektiven, geschweige denn dort nachlesbaren Eigenschaften der Welt-Anlässe herankommt, ist alles lesbar, jedenfalls das, was für das jeweilige Bewußtsein gerade der Fall ist. Lesbarkeit fällt indessen in unseren Überlegungen nicht mit Wahrnehmung zusammen. Aber alle Wahrnehmungen können sich zu einem mehr oder weniger deutlichen Zeichen-Gebrauch steigern, wenn aus Wahrnehmungen Zeichen gemacht werden. Und wenn dies geschieht, sind Versuche des Lesens dieser Zeichen unvermeidlich. Anders gesagt: Wo immer wir mit der Erwartung auf Lesbarkeit die Welt hervorbringen, wird sie auch lesbar – nicht weil sie an sich lesbar wäre, sondern weil die Art der Hervorbringung sie lesbar macht. Leben erscheint so gesehen nicht nur als Autopoiese, sondern zugleich und damit zugleich als nicht zu unterbrechende Semiose. (Vielleicht war ja vor allem dies gemeint, als noch von der "hermeneutischen Grundsituation des Lebens" gesprochen wurde).

Daß Lesbarkeit jetzt so stark hervortritt, hat – ich zögere da etwas – hat vermutlich mit den allseits beklagten Orientierungskrisen zu tun, was offenbar dazu führt, daß man sie eben nicht hinnimmt, daß man sie eben nicht aushält, sondern daß man die Anstrengungen der Sinnkonstruktion "auf Teufel komm raus" (oder "Engel komm raus") steigert. Sinn-Verluste werden (nicht ohne Paradoxie) mit Sinn-Explosionen beantwortet.

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Literatur

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