|
Bernd Scheffer |
|||||||||||||||||||||||||||||||
|
Schrift entwickelt sich aus dem Bild und bleibt ihm lange Zeit und in dem meisten Kulturkreisen bis heute engstens verbunden. Uns scheint es völlig selbstverständlich so zu sein, daß Schrift unauflöslich an Sprache gebunden ist. Das war aber in keiner der uns bekannten Entwicklungssituationen der Schrift so. (Vgl. etwa Arbeiten von Manfred Krebernik, Jan Assmann und Klaus Schreiner).1 Auch die späteren, europäischen Tendenzen zu eigenständigen Entwicklungen von Schrift und Bild führen nie zu einer absoluten Trennung, kulturell markant und produktiv sind vielmehr die Situationen des Zusammenspiels: Schon im 6. Jahrhundert v. Chr. wurden in Griechenland Texte so angeordnet, daß ihr äußerer Umriß ein Kriegsbeil oder eine Wurfscheibe ergab. - Die mittelalterlichen Handschriften (man denke nur an das fasziniernde »Book of Kells« vom Anfang des 8. Jahrhunderts) verklammern Schrift und Bild, lassen sie nahtlos ineinander übergehen oder gewissermaßen sogar die vorgesehenen Plätze tauschen. – Aufgrund der engsten Schrift-Bild-Bezüge spricht der Mediävist Horst Wenzel von »doppelter Lesbarkeit«: »Die Auseinandersetzung mit den neuen Medien und der >neuen Visualität< könnte uns dazu verhelfen, die Repräsentation der audiovisuellen Wahrnehmung im Mittelalter und in der frühen Neuzeit als einen engen Zusammenhang des bildhaften Erzählens und der erzählenden Bilder zu verstehen und die systematische Abgrenzung von Kunst- und Literaturgeschichte als historisches Zwischenspiel, das von denen neuen Medien relativiert wird« (Wenze 1998, 103). Als Schriftbilder oder Bildschriften können viele illustrierte Flugschriften der Frühen Neuzeit gelten. - In den Bildgedichten des Barock sind Texte geformt wie Altäre, Kreuze, Zepter, Eier, Brunnen oder Bären. – Die im Lauf der europäischen Buchkultur kaum je unterbrochenen, stets weit über »Typographie« hinausreichenden Versuche, Texte (welcher Art auch immer)zu illustrieren, verdichten sich im 19. Jahrhundert zu künstlerischen Programmen – etwa mit Stephane Mallarmés »Un Coup de Dés«. Guillaume Apollinaires verstößt dann zu Anfang des 20. Jahrhunderts seinerseits, nun aber planvoll gegen die übliche Zeilenordnung und läßt den Text »Il pleut« wie Regen von oben nach unten rinnen. - Zu erinnern ist an die zahllosen Schrift-Bild-Kombinationen der Kubisten, Futuristen und Dadaisten oder auch an die der Gruppe »De Stijl«. Aufzulisten wäre eine lange Reihe von Malerdichtern im 20. Jahrhundert. »Konkrete Poesie«, »Visuelle Poesie« und (animierte) »Digitale Poesie« sind für unseren Zusammenhang aufschlußreicher als jene Kunstveranstaltungen, die gegenwärtig noch immer disziplinäre Grenzen einzuhalten versuchen. Wohin man schaut: Piktogramme, Ikons, Symbole, und wenn man sich schließlich die massenhaft verbreiteten Firmen-Logos und Firmen-Namen vor Augen hält (diese Fortsetzungen einer stummen Zeichen- und Signalflaggen-Sprache) - was ist daran Schrift und was ist Bild, an dem alten VW-Zeichen etwa? Und die »Emoticons« heben die ansonsten verdeckten, indessen oft dominanten Gefühlsmomente der Kommunikation hervor, bildlich und schriftlich zugleich. Im Bereich der Bildenden Kunst könnte man fast eine Grob-Regel aufmachen: Die Hälfte der bedeutsamsten Künstlerinnen und Künstler des 20. Jahrhunderts und beginnenden 21. Jahrhundert produziert Kunst (Gemälde, auch Skulpturen, Installationen ohnehin) im Bereich des Zusammenspiels von Schrift und Bild. Nichts würde hier länger dauern als eine repräsentative Auswahl, geschweige denn eine vollständige Aufzählung der Namen. Das Internet ist die durchaus gelungene Rache an allen kulturkonservativen Behauptungen, die den Monitoren unterstellten, sie würden Schrift und Text zum Verschwinden bringen. Das Gegenteil ist der Fall: Die Wiederkehr der Schrift (nicht zuletzt der Typographie in den vielen Graphikprogrammen), die Wiederkehr des Textes, auch »guter Texte«. Sie zeigt sich, läßt man sich nur ein zum Beispiel auf den Erfindungsreichtum und die durchaus auch theoretische Intelligenz der »Digitalen Poesie«. Selbstverständlich ist hier der Bild-Anteil hoch, und der Anteil visueller, zudem anmimierter Komponenten verstärkt sich zusehends. Selbstverständlich gehört das zur Lesbarkeit des Internets allgemein, der Digitalen Poesie im Speziellen. Werbung trägt sicher nicht zur Lesbarkeit der tatsächlichen Welt bei, aber je weniger man noch die Vorstellung von einer zu dechiffrierbaren tatsächlichen Welt beibehält, desto mehr gilt es auch die Lesbarkeit der Werbe-Welt zu beachten. Werbung bebildert nicht nur die Welt, sondern beschriftet sie gerade auch, und wer einmal Werbespots und Musikvideos genauer studiert hat, wird feststellen, daß Schrift, daß Texte dort eine unübertreffliche Lebendigkeit haben, auch eine intelligente, sogar selbstreflexive Differenzierung. Comics machen Schrift und Bild voneinander abhängig. Das Tempo der Bilder wird weiter gesteigert und vorangetrieben durch Geschwindigkeits-Wörter wie »Wrrumm«, »Wusch«, »Zapp« usw. in entsprechend dynamisierter Schrift. Was zum Verständins eines Bildes fehlt, wird durch Text verdeutlicht, wie umgekehrt die Texte erst sinnfällig werden in Kooperation mit den Bildern. Graffiti lehrt auf spezifische Weise den Blick für die labilen Grenzen, teilweise sogar vollständig planierten Grenzen von Schrift und Bild. Graffiti schult die Wahrnehmung für die Übergänge von Schrift und Bild zur Musik, in diesem Fall zu Hiphop. Für Lessing (im »Laokoon«) durften Bilder und Texte allein schon aufgrund ihrer unterschiedlichen Zeitstruktur nichts miteinander zu tun haben. Jetzt spätestens erkennen wir aber, daß Texte keineswegs nur stur »linear« sind (niemand versteht einen Text nur Wort nach Wort ohne Rückkoppelungen); und wir erkennen, daß es andererseits unmöglich ist, Bilder nur stur »simultan« wahrzunehmen (das ginge allenfalls im Augenblick einer schlagartigen Erleuchtung). Auch wenn die elektronische Basis von Schrift und Bild mittlerweile die gleiche ist, man sollte dennoch vorsichtig sein mit Behauptungen, Schrift und Bild fielen nunmehr restlos zusammen; wäre das Zusammenspiel »restlos«, dann würden ja »Schrift« und »Bild« restlos das gleiche bezeichnen, was freilich in mehrfacher Hinsicht unvorstellbar ist. Die sprachliche und damit potentiell auch die schriftliche Beteiligung an der Bildwahrnehmung ist durchaus modifizierbar; allein diese Modifikationsmöglichkeiten belegen eine anhaltende Rest-Differenz von Schrift und Bild. Die jeweilige Beteiligung läßt sich künstlich/künstlerisch verstärken oder abschwächen - genau diese Möglichkeiten spielt die neue Medien-Kunst durch; auch hierin liefert sie exemplarisches Studienmaterial. Die »Lesbarkeit der Welt« (Blumenberg 1981), diese wohl anhaltende hermeneutische Grundsituation menschlichen Lebens (Gadamer)hat sich nicht allein deshalb erübrigt, nur weil »Lesbarkeit« jetzt nicht mehr ausschließlich an die Schrift- und an die Papierform gebunden ist und weil sich obendrein das Wertesystem, der Kanon dessen, was gelesen werden sollte, verändert hat. »Lesbarkeit« konnte schon immer weit gefaßt werden und mußte keineswegs eine Art Bilderverbot nach sich ziehen. Jedenfalls die an herkömmlichen, strikten, linearen Text-Konzepten gewonnenen Beschreibungs-Möglichkeiten erfassen nicht die Potentiale neuerer und neuester Medien, erfassen nicht »Multimedialität» oder »Hypertextualität«. Mit einiger Vorsicht gegenüber gängigen Äußerungen wie »alles ist Text« (alles ist Gewebe; alles ist »vernetzt«) ließe sich der Textbegriff und vor allem der Kontextbegriff ausweiten; denn spätestens die Kontexte, die zum Verstehen von Texten bzw. die zum Verstehen von Bildern gehören, umfassen multi-modal die gleichen Zeichensysteme. Längst wird sie praktiziert, die konzeptionelle Erweiterung des Textbegriffs durch »Multimedia«, durch Computer, Filme, Fernsehen, Comics. Video-Clips haben einen bedeutsamen Textstatus; sie werden auch dort noch gelesen, wo sie nicht unmittelbar Text sind; es sind »...) Hybrid-Texte zwischen Schrift, Bild und Klang, die ausschließlich elektronisch produziert, gespeichert, verbreitet und rezipiert werden können« (Block 2000, 29). Und beim »Hypertext« würde ich in vorliegenden Zusammenhang am liebsten seine dergestalt hybriden Möglichkeiten hervorheben. »Die poetische Erfahrung wird dadurch bereichert, daß der Betrachter oder Leser ein Werk anschaut, das ständig zwischen Text und Bild oszilliert« (Kac 1997, 108). Es gibt viele Stimmen, die sich hier aufrufen ließen zur Bekräftigung meiner Überlegungen, nicht nur von den begeisterten Propheten der neuen Medien, nicht nur jüngere Stimmen. Geoffrey Hartman, 70 Jahr alt und ja alles andere als ein einseitiger Anhänger der neuen Medien, hat in München gesagt: »Wir verwenden Jahre darauf, die Wörter-Sprache zu beherrschen. Aber auch Bilder müßten wir so gut wie die Wörter lesen lernen.« (Süddeutsche Zeitung 15./16. Juni 2000) – Wohlgemerkt, vom Lesenlernen der Bilder ist die Rede, nicht vom puren Anschauen der Bilder. |
|