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Reinhold Viehoff |
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2Vom »Grundriss Band 1« diesen weiten Bogen über eine Generation, über zwanzig oder gar fünfundzwanzig Jahre zu schlagen bis hin zur institutionellen Etablierung der Medienwissenschaft an den deutschsprachigen Universitäten, inzwischen meist unabhängig von der Sprach- und Literaturwissenschaft, ist deshalb nützlich, weil so die Zeiträume etwas angedeutet sind, in denen sich disziplinäre Veränderungen durchzusetzen beginnen. Dieser in den letzten Jahrzehnten beobachtbare Wandel der Literaturwissenschaft ist nicht zufällig so geworden, wie er geworden ist. Dieser Wandel ging aus von einer Krisenerfahrung. Bekanntlich eignen sich Krisen alter Paradigmen besonders gut dazu, daß sich neue Gedanken und Konzepte durchsetzen. Die Krisendiagnostik zur Situation der Germanistik und der Literaturwissenschaft insgesamt war Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre - vor allem im Zusammenhang mit dem sogenannten Methodenstreit - allgegenwärtig. Hinzu kamen Ursachen und »Kontexte«, die nicht von der Literaturwissenschaft ausgingen, sie aber besonders hart trafen. Dazu gehört einmal der umfassende kulturelle Wandel - Stichwort 1968 - , dazu gehört eine unerhörte Expansion des deutschen Hochschulwesens mit zahlreichen Neugründungen, und dazu gehört auch, daß sich die Anstellungschancen für Lehrer Ende der siebziger Jahre dramatisch verschlechterten. Neben diesen von außen die Bedingungen literaturwissenschaftlichen Lehrens und Forschens bestimmenden Veränderungen gab es natürlich auch wissenschaftsinterne Fragen (und anschließende) Probleme, die zu Krisen führten. Die Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Forschungen und Forschungspositionen war ohne Zweifel in dieser Zeit eine grundsätzliche Frage, die auf die Geisteswissenschaften krisenhafte Auswirkungen hatte. In dieser Lage wurde die traditionelle Literaturwissenschaft damit konfrontiert, daß sie mindestens von zwei Seiten grundsätzlich in Frage gestellt wurde, und zwar in dem, was sie tat, und in dem, wie sie es tat, und auch in dem, wie sie dies alles begründete. Beide Seiten bezogen dabei - zumindest zu Beginn der Debatte - wesentliche Argumente aus eben jenem eher deutschen Positivismusstreit, der mit Argumenten einerseits aus der Hermeneutik und der dialektisch-kritischen Linie von Hegel über Marx her geführt wurde, andererseits mit solchen aus der angelsächsischen Tradition der analytischen Wissenschaftstheorie und des kritischen Rationalismus. Die eine Gruppe, der ich mich seit damals weit eher zugehörig gefühlt habe als der zweiten, warf der etablierten Literaturwissenschaft vor, unpolitisch bzw. ohne kritisches Bewußtsein und gesellschaftliche Analyse sich ihres Gegenstandes zu bemächtigen und damit doch nur die in Traditionen manifestierte und geronnene »Macht des Erfolges« - im ökonomischen, im kulturellen und auch im speziell literarischen Produktions- und Konsumtionszusammenhang - zu feiern. Die andere Gruppe kritisierte szientistisch, daß die eingeübten Methoden und theoretischen Hintergrundannahmen - etwa die vom »hermeneutischen Zirkel« - wegen ihrer Ambivalenz, ihrer Ungenauigkeit und ihrer je beliebigen Berücksichtigung von diesen oder jenen Voraussetzungen wissenschaftlich nicht länger tragfähig seien. Das war die Position der NIKOL-Gruppe, die ich damals kennen lernte (wobei ich das »Lernen« dieser Position betone) und in der ich dann auch bis zum Ende mitgearbeitet habe. In beiden Gruppen begannen, über die bloße Kritik hinaus, eine Reihe von Wissenschaftlern damit, diese Defizite produktiv zu bearbeiten. Sie konzentrierten sich dabei darauf, vor allem die fehlende Bedeutsamkeit der literaturwissenschaftlichen Forschung für allgemeine gesellschaftliche bzw. im engeren Sinne auch wissenschaftliche Probleme, Bezugsgruppen und »Methodenschulen« zu beheben und - zumindest - durch neue Problembeschreibungen zu ersetzen. Neben der marxistischen oder ideologiekritischen Linie war eine der konstruktiven Antworten auf die vielzitierte Krise der »Relevanz« von literaturwissenschaftlichen Studien die Entwicklung von sozialwissenschaftlichen und empirischen Forschungsansätzen in der Literaturwissenschaft durch Norbert Groeben und Siegfried J. Schmidt. Ohne hier näher auf die Unterschiede der Positionen von Groeben und Schmidt einzugehen kann man doch für beide Richtungen festhalten, dass man sich aus der Empirisierung generell nicht nur eine »härtere« Forschung versprach, die z.B. überprüfbar wäre, sondern auch einen Anschluß an die wissenschaftlichen Diskurse der empirisierten Kulturwissenschaften wie Soziologie und Psychologie, die neben der Linguistik zu den Leitdisziplinen der literaturwissenschaftlichen Erneuerung in den siebziger und achtziger Jahren avancierten. Das Diskursklima der damaligen Zeit wurde von den folgenden Problemen bestimmt. Sie gemeinsam ergaben jene kritische Grundstimmung, die für den notwendigen Veränderungsdruck sorgte.
Diese innerdisziplinären Erweiterungen und Veränderungen waren allesamt aus dem Perspektivwechsel entstanden, den die politisierte und auf Veränderungen drängende literarische Öffentlichkeit in und außerhalb der Universitäten erzwungen hatte. Es schien nicht mehr möglich und nur schwer zu rechtfertigen, die zweihundertste Interpretation der Kafkaschen »Verwandlung« zu schreiben und wissenschafts-öffentlich zu diskutieren, aber die in der allgemeinen Öffentlichkeit diskutierten Rezeptionsereignisse wie etwa »Das Halstuch« oder den Beginn der »Tatort-Serie« wissenschaftlich zu ignorieren. Man wollte etwas Genaues über die kommunikativ-ästhetische Funktion solcher Fernsehsendungen wissen und nicht mehr in metaphorischer Sprache beschrieben lesen, wie z.B. auf einen hochspezialisierten Goetheforscher die erneute Lektüre des »Faust« wirkt. Gerade angesichts eines expandierenden Marktes des Massenmedien, besonders der audiovisuellen Medien wie Fernsehen und Video, und gerade angesichts des kaum angezweifelten allgemeinen Manipulationsverdachtes gegen die Betreiber dieses internationalen Medienmarktes schien es auch vielen Literaturwissenschaftlern nicht mehr möglich, sich ausschließlich mit historisierender Betrachtung und artifizieller Interpretation literarischer Werke des »gegebenen« Kanons zu beschäftigen. Prognosen etwa über das »Ende des Buchzeitalters« machten - auch für den engen Bereich der Literatur-Literatur hinaus - Probleme bewusst und setzten solche Fragen auf die agenda, die mit dem traditionellen theoretischen und methodischen Instrumentarium nicht mehr bewältigt und beantwortet werden konnten. |
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